06.04.2007 Nachrichten>Kommentare
Brief an den Propheten (saw)
Yasemin Karakus

Bismillâhirrahmânirrahîm
O Gelobter,
Ich mag es Briefe zu schreiben, mit Worten zu spielen. Aber diesen Brief zu schreiben hat lange Tage in Anspruch genommen. Um Mut dafür zu sammeln, habe ich es Nacht um Nacht, Tag um Tag verschoben.

Ein Brief an den Geliebten... Ich, die um seiner Liebe willen erschaffen wurde, wie könnte ich über ihn schreiben... Schließlich hat die Liebe mich begreifen lassen, dass ich, die Liebende, dem Geliebten nichts anderes als Liebe schreiben kann. So begann ich meinen Brief.

O Gesandter... Erinnerst du dich an unser erstes Treffen? Ich habe es nie vergessen. Es war vor Jahren. Auch wenn der Zahn der Zeit daran nagt, habe ich gewusst diesen Augenblick in meinem Gedächtnis aurecht zu erhalten. Ich kam zu dir. Mit viel Mut kam ich zu dir. Als ich die Stadt der Helfenden betrat, überkam mich ein merkwürdiges Schaudern. Vielleicht, weil mich dein Blick traf. Ich betrachtet alles, als gesegnet. Ich zögerte den Boden zu betreten, mit dem Gedanken, der Blick des Gesandte Gottes – sei es auch nur ein einziges Mal – könnte diese Stelle erblickt haben. Anstelle eines Tropfens deines Blutes am Tage des Uhud fließen zu sehen, wünschte ich mir, mein ganzes Blut solle meinen Körper verlassen. Aus dem Fenster eines hölzernen Hotelzimmers habe ich mit neugierigen Blicken die lichterlohen Minarette gesucht, „es ist Zeit” flüsterte ich, meine Augen suchten dich. In deiner Moschee will ich fliegen wie bunte Schmetterlinge. Die Türen waren nun ganz offen. Als ich laufen wollte, um dich zu treffen, wie der Wind, der den Befehl Hazrati Sulajmâns vernahm, schreiteten meine Füße zögernd, wie das Feuer, dass Hazrati Ibrâhîm verschonte. Wie sollte ich mich in deine Gegenwart begeben? Wie sollte ich mich vorstellen? Ich fürchtete mein Gesicht würde meine Sünden preisgeben, o Gesandter. Ich fürchtete nicht um mich, sondern um dich, der du dich fragen würdest, ob diese Sünderin von deiner Umma ist und dich Trauer überkäme. Hattest du dich nicht schon genug um uns gesorgt, nicht genug Tränen vergossen für uns? Sollte ich dich erneut betrüben? Aber mein Herz war nicht mehr aufzuhalten. Aus der Menge betrachtete ich dich. Du hast es nicht gesehen. Ich beobachtete dich immer wieder aus der Menge. Er soll mich nicht sehen, soll er doch nichts von mir wissen. Es reicht wenn ich ihn sehe, sagte ich. Ich, ein Tropfen im Meer, habe dir aber meine stillen Rufe zugesendet: „Ich bin auch von deiner Umma, o Geliebter Allahs!” Die Zeit war mein Feind. Der Wettstreit zwischen Stundenzeiger und Minuterzeiger brachte mir den Abschiedstag. Verabschiedet euch vom Geliebten Allahs. So musste es sich anühlen, wenn jemandem das Blut gefror. Sollte ich mich von dir verabscheiden, wo doch Allah dich nicht aufgegeben hat, obwohl ich meine Sehnsucht noch kein bißchen stillen konnte? Weiß du noch, als ich mich vor dir niederkniete, o Gesandter Gottes? Es war eine Menschenmenge versammelt aber ich fühlte mich allein, denn nur du sahest mich an. Du hast mich angelächelt, o Geliebter. Du erkanntest mich, trotz meiner Sünden und obwohl ich mich verstecken wollte. Du lächeltest mich an. Nicht umsonst nannte dich der barmherzige Allah seinen Geliebten, dich, das Sinnbild der Barmherzigkeit. Kein Traum, keine Hoffnung, es war Wircklichkeit.

Ich wünschte dieser Augenblick würde nie enden. Aber vergebens. Diebstahl und unverschämtes Gebrüll, sogar in deiner Gegenwart, zerstörten diesen Augenblick und mit ihm fast mein ganzes Leben. Es war, als wärst du du gekränkt, als sei dein Herz betrübt. Du warst böse auf die Menschen in deiner Gegenwart, du gingst. Du verliessest mich und mir blieb nur das Nachsehen und stille Rufe.

Als ich meine Augen öffnete, sah ich diese Frau, die sich von der Polizei befreien wollte und eine Menschenmenge... O Gesandter Gottes, ich war ihr böse... Obwohl ich mich in der Stätte der Liebe befand, füllte sich mein Herz mit Hass gegen sie. Jahre vergingen, aber ich konnte ihr nicht vergeben. Vergeben kann nur Allah, dachte ich und bat ihn um Vergebung, weil ich nicht vergeben konnte. Ich verstand es nicht... Lohnte es sich diesen mein Leben leitenden Traum zu zerstören? Lohnte es sich für etwas Geld mein mit Sehnsucht gefülltes Herz zu trennen?

Ich wusste es nicht, o Gesandter Gottes! Ich dachte, wenn du du nicht gegangen wärst, wäre dein mit Liebe gefüllten Herz nicht gekränkt worden, würdest du diesem Waisen vielleicht über den Kopf streichen? Würdest du mein durch deine Abwesenheit bedrücktes Herz beruhigen, mich als Mitglied deiner Umma umarmen. Ich weiß es nicht, ich habe es nie erfahren können. Ich konnte mich nicht aus der Menschenmenge befreien, um dich nochmal zu sehen, wie bei unserem Abschied ohne Abschiedsgruß.

O Gesandter Gottes, ich war immer neidisch auf deine Geliebten. Ich beneidete deinen Freund Abû Bakr, der sich mit dir in derselben Hähle versteckte. Ich wollte immer an der Stelle Wajsal Karânîs sein. Auch wenn ich nicht auf meine Mutter hören und man nicht jahrhundertelang meine Geschichte erzählen würde, würde ich deine Pforte berühren wollen und – auch wenn es rebellisch wäre – zu dir laufen, um meine nach Liebe dürstende Seele zu beruhigen. Vielleicht würdest du mich nicht so sehr mögen wie Wajsal, aber das macht nichts... Ich würde mich nicht von dir abwenden.

Der Begriff der Sehnucht war in meinen Augen noch nie so schlicht und bedeutungslos. Gleich wie ich dir meine Gefühle, das Seufzen meines Herzens erklären möchte, bestimmt hat jemand diese Worte für seine Liebe schon gebraucht. Ich suchte unbenutzte Ausdrücke. Könnte ich doch meine Seele in deine Hand legen, damit du sie hörtest. Was kann ich schon machen, als dir durch die Sprache des Herzens zu erzählen, so wie ein Darwisch das Universum mit dem Ohr seines Herzens hört... O Geliebter, o du mein Herzensziel.

Ich und deine Umma sind so seltsam. Ein Blinder braucht Licht, deine Umma braucht dich. Während deiner Abwesenheit sind unsere Tage dunkel und unsere Nächte pechschwarz. Welcher Schmerz, welche Pein könnte das Herz dermaßen quälen?

O Gesandter Gottes, ich beneide alle Sklaven, Bilal-i Habaschî wegen, der auf brenndem Wüstensand unter heiße Felsenbrocken gelegt wurde, damit er seinen Glauben aufgebe. Ich beneide die jungen Männer, Mus’ab bin Umajr wegen, der den Reichtum ablehnte und dessen Leichentuch nicht mal ausreichte, um ihn einzuwickeln, als er das Märtyrium erlangte. Ich habe immer die Trauer derer um ihn geteilt, deren Tränen auf seinen leblosen Körper fielen. Ich dachte daran, wie man dich mit Dreck beworfen hat, als du bei der Kâba saßest, wie Fatima dich umarmte wie eine Mutter und rief „Was haben sie dir angetan?” Das Feuer, das dieser Schrei in mir entfachte, ist nie erloschen, das Echo in mir ist nie verklungen.

O Gesandter, hätten wir diesen Qualen standhalten können? Hätten wir uns trotz allem an dich geklammert? Aber könnte jemand, der dich mit seinen Augen gesehen, deine Liebe einmal erfahren hat, dein Gesicht zu sehen bekommen hat, sich je von dir trennen?

Immerzu „hätten wir doch”, hätten wir dich doch zu Gesicht bekommen. Hätten wir dich doch zu Gesicht bekommen, wir hätten ein Leben lang auf das Lachen verzichtet. Die Trauer unserer Seele hat nicht aufgehört, seit du uns verlassen hast. Denen, die nach dir geboren wurden, fehlte etwas. Wir waren nicht so aufrichtig wie ein Umar. Ja, das ist wahr, wir liebten sie so sehr wie wir sie beneideten... O Geliebter, o du König der Liebe, Geliebter Allahs! Wirst du da sein, wenn die Taten deiner Umma gewogen werden? Wirst du, damit wir nicht auch dort ohne dich sind, uns deinen Zuspruch erteilen?

Ich füchte mich, o Gesandter. ich fürchte mich meinen letzten Atemzug zu tun, vor Allah zu treten, ihm Rechenschaft abzulegen, mit meinen Bergen an Sünden, ohne bereut zu haben. Ich bin unreif. O Gesandter, ich habe nicht die Kraft wie ein Freund Gottes zu sagen: „Ich fürchte mich weder vor deiner Hölle noch möchet ich in dein Paradies. Ich möchte nur ein dir gebürtiger Diener sein, o mein Schöpfer.” Aber viel mehr als vor der Hölle fürchte ich mich, die, die dich ein Leben lang mit ihrem Herzen beobachtete, im unendlichen Leben nicht mit denen zu sein, die dich sehen werden, sondern wieder Sehnuscht zu erleiden.

O Gesandter, ich muss gestehen. Ich habe Sünden, die ich sogar vor mir verberge. Es gibt Momente, an denen ich dich vergesse. Manchmal, wenn ich deinen Namen höre, regt sich mein Herz nicht. Momente, in denen ich mein Herz, anstelle des Herzens von Hamza, herausreisen möchte. O Gesandter, sag, warum soll ein Herz noch schlagen, das nicht schmerzt, wenn es deinen Namen vernimmt.

Ich habe Unverschämtes getan, o Geliebter. Aus deinen Augen flossen Tränen, wenn du unserer dachtetst. Es gab Momente, in denen ich keine Tränen weinte, wenn ich deiner dachte. O Gesandter, liebst du mich trotzdem? Denn ich habe auch gebetet, allein mit meinem Schöpfer meinen Kummer geteilt. Ihm, der dich gut kennt, habe ich von dir erzählt. Es gab Augenblicke, an denen mein Herz zerfloss, als ich nach dir verlangte, Augenblicke, an denen dein Kummer auch mein Kummer war. Es gab Momente, in denen ich für den Herrn der Märtyrer weinte und mich begeisterte, wie du Wahschi vergeben hast. Jahre gab es, in denen ich mich nach dir sehnte.

Wir kamen Jahrhunderte später, zu spät um dich zu sehen. Der Islam ist so verbreitet, o Gesandter. Überall auf der Welt sagen Menschen, wir sind Muslime. Wir sind zahlenmäßig so viele, aber wir haben Fehler. Fehler, bei denen man deine Anwesenheit nicht wünscht. Wenn du gesehen hättest, was nach dir passierte, die Feindschaft deiner Umma gegen deine Umma, wie Muslime ihren unterdrückten Geschwistern den Rücken zudrehten. Du wolltest es sicher nicht sehen wollen. Du würdet dich sicher schämen, deine Umma zu sehen, die sich nicht schämt dies zu tun. Nicht nur, dass wir den Koran nicht gelebt haben, wir haben auch andere daran gehindert. Aber wir waren voller Liebe dir gegenüber. Ich weiß nicht was für eine Liebe das ist, die den Geliebten traurig macht, aber wir waren voller Liebe. Auch der dir am entfernteste schickte dir Grüße, damit diese ihm am Tag des Jüngsten Gerichts den Weg weisen. Und in den Nächten beteten wir, „O Allah”, sagten wir „wenn du mich am Tag des Gerichts zur Rechenschaft ziehst und falls du mich meiner schlechten Taten willen in die Hölle schickst, wenn wir nicht deinen Geliebten sehen dürfen, bitte o mein Schöpfer, lass deinen Gesandten nichts über uns wissen. Ziehe uns nicht in seiner Gegenwart zur Rechenschaft. Er soll nicht auch noch im Jenseits Tränen vergießen, sich nicht unserer Willen sorgen. Beschäme ihn nicht vor den anderen Propheten.

O Geliebter, wenn dich dieser Brief erreicht, werde ich entweder in der Hölle für meine üblen Taten bezahlen oder mich vor dich setzen, um dich zu betrachten. Wenn dein Schöpfer nicht so barmherzig wäre, hätte er nicht jemanden wie mich zu deiner Umma gezählt. Ich werde dem Koranvers „La tagnitu min rahmatullah” (Gebt die Hoffnung an Allahs Barmherzigkeit nicht auf) vertrauend, diesen Brief aufbewahren und vorzeigen, wenn mich die Höllenwärter in die Hölle bringen wollen. „O mein Schöpfer”, werde ich sagen, „wenn ich diesen Brief mit einem aufrichtigen Herzen geschrieben habe, gebe mir die Möglichkeit, um dieser Liebe willen, einmal deinen Gesandten zu sehen, bevor du mich bestrafst.”

Assalâtu wassâlamu alajka jâ Rasûlullâh!

Assalâtu wassâlamu alajka jâ Habîbullâh!

Assalâtu wassâlamu alajka jâ sajjidal awwalîna wal achirîn!

Dem Grund meiner Erschaffung widme ich meine Gebete...


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