03.12.2006 Nachrichten>Kommentare
Allianz der Zivilisationen
Ein Kommentar von Oguz Ücüncü
„Wir sollten zu Beginn nochmals beteuern und unterstreichen, dass das Problem weder der Koran, noch die Tora oder die Bibel ist.“ Mit diesen deutlichen Worten nahm der scheidende Generalsekretär der Vereinten Nationen, Kofi Annan, den Abschlußbericht der als „Allianz der Zivilisationen“ bezeichneten UN-Initiative unter spanisch-türkischer Federführung in Istanbul entgegen. Eine 20-köpfige Expertengruppe war vor ca. einem Jahr angetreten, um der Weltgemeinschaft einen Maßnahmenkatalog an die Hand zu geben, der das Konfliktpotential zwischen den Zivilisationen, Kulturen und Religionen entschärfen sollte, um den von Samuel Huntington prophezeiten Zusammenprall selbiger zu verhindern. Und so haben sich die Damen und Herren der Expertengruppe in regelmäßigen Abständen getroffen, Themenfelder abgesteckt, sich mit Vertretern der Zivilgesellschaft ausgetauscht und ihre Erkenntnisse in einem 39-seitigen Bericht zusammengefasst.
Die Lektüre des Berichtes offenbart, was man im Vorfeld auch vermutet hat: Neue Erkenntnisse oder gar bahnbrechende Vorschläge für die Lösung globaler Konflikte haben auch diese Experten nicht zu bieten. Sie fassen noch einmal Binsenweisheiten zusammen, die der Weltöffentlichkeit ohnehin geläufig waren und die zumindest die Frage rechtfertigen, warum noch ein gesondertes UN-Gremium notwendig war, um diese erneut zusammen zu fassen. Tatsächlich sind die Konflikte unserer Zeit, allen voran der Palästina-Konflikt, keine religiösen oder kulturellen Konflikte, sondern politische Konflikte, die dann auch von den politisch Verantwortlichen gelöst werden müssen. Dass in einer Gemengelage von unhaltbarer Besatzungspolitik, globaler Armut und Doppelmoral in Fragen von Demokratie und Menschenrechten auch die Religion als Argumentation für Terror und Gewalt missbraucht werden kann, steht außer Frage. Dennoch trifft sie keine Schuld und umso schlimmer ist es, dass sich die Angehörigen einer Glaubensgemeinschaft immer wieder rechtfertigen müssen.
Nein, die Arbeit dieser Initiative stand seit ihrer Gründung tatsächlich unter keinem guten Stern und entsprechend bescheiden sind die Ergebnisse. Schon mit der Namensgebung beginnt die lange Liste der begangenen Denk- und Strategiefehler. Offensichtlich wollte man schon mit dem ausgewählten Namen „Allianz der Zivilisationen“ einen Kontrapunkt zum Huntington´schen Ansatz setzen. Aber mit dieser Namensgebung führt man den Gründungsgedanken der Vereinten Nationen praktisch ad absurdum. Die Vereinten Nationen sind – wenn überhaupt - die besagte Allianz; einer weiteren Untergruppe oder Initiative bedurfte es aus unserer Sicht nicht.
Darüberhinaus unterstreicht die Fokussierung auf die von Huntington als zukünftige Konfliktparteien benannten Akteure westliche Welt, vertreten vom spanischen Ministerpräsidenten Zapatero und islamische Welt, vertreten vom türkischen Ministerpräsidenten Erdo¤an, dass man auf Seiten der UN die grundsätzliche Einschätzung Huntingtons eigentlich nicht in Frage stellt, sondern, auch ein wenig verzweifelt, nach Mitteln und Wegen sucht, den sich anbahnenden Zusammenprall vielleicht doch noch zu verhindern. Somit haben sich alle Beteiligten unweigerlich in ein Szenario begeben, in dem auf der einen Seite der vom globalen Terror bedrohte „Westen“ seine Ängste und Befürchtungen vor der „islamischen Welt“ thematisiert und in dem auf der anderen Seite die „islamische Welt“ krampfhaft versucht, dem „Westen“ seine Angst zu nehmen.
In der Praxis hat sich die Allianz ohnehin nicht bewähren können. Weder im Karikaturenstreit, noch in der kriegerischen Auseinandersetzung in Palästina bzw. Libanon ist es den Beteiligten gelungen, Wege aus der Krise aufzuzeigen. Die Weltgemeinschaft hat sich naturgemäß lieber auf ihre bewährten Instrumente zur Krisenbewältigung, also auf den Sicherheitsrat verlassen. Appelle von Zapatero und Erdo¤an in Form von geschalteten Zeitungsanzeigen verhallten nahezu wirkungslos und gar eine Mittlerrolle hat ihnen keine der Konfliktparteien zugedacht.
Auch wenn es die Expertengruppe anders sieht: Die Vereinten Nationen brauchen weder dieses Gremium, noch einen weiteren hohen Repräsentanten, der sich um den Frieden zwischen den Zivilisationen kümmert, den Medien auf die Finger schaut oder den Jugendaustausch fördert. Sie braucht vielmehr eine handlungsfähige Vollversammlung und einen reformierten Sicherheitsrat, der die Belange aller Nationen ohne Vetoblockaden berücksichtigt und so beispielsweise diejenigen, die fundamentale Menschenrechte mit Füßen treten ausnahmslos sanktioniert und ächtet.
Nun, was nach einem Jahr „harter“ Arbeit bleibt, ist viel Symbolik und die Hoffnung, dass die von den Beteiligten vor der historischen Kulisse im Çiragan Palast in Istanbul so offensiv an den Tag gelegte Zuversicht und Eintracht zwischen Religionen und Kulturen über die Massenmedien die aktuelle Stimmungslage positiv beeinflussen könnte. Eine Hoffnung, die im Angesicht der Bilder, die uns tagtäglich aus den Konfliktherden dieser Welt erreichen, schon verpufft ist.