Mittwoch 30. Dezember 2009
Körting: „In unserer Gesellschaft fehlt es an Toleranz gegenüber
dem Islam“
Der
Innensenator von Berlin, Ehrhart Körting (SPD), hat mehr Respekt zu anderen
Kulturen und Religionen gefordert. „Große Teile unserer Gesellschaft
halten Glauben für überholt. Deshalb fehlt es an Toleranz gegenüber
denjenigen, für die Religion lebendiger Teil ihres Lebens ist. Das gilt
insbesondere für eine fehlende Toleranz gegenüber dem Islam“,
sagte Körting der „Berliner Morgenpost. Dabei wollten mehr als 95
Prozent der Berliner Muslime nichts anderes als in Frieden das Leben zu gestalten,
so Körting. Das gelte auch für die strenggläubigen Gruppen.
Der Innensenator kritisierte zudem die „Einmischung“ der türkischen Regierung in die deutsche Integrationspolitik. Die Politik der türkischen Regierung erschwere nach Ansicht von Körting die Integration türkischer Einwanderer in Deutschland. „Wir haben in Teilbereichen der Integration ein Problem, weil sich der türkische Staat noch immer politisch verantwortlich für die Türken in Deutschland fühlt und sich einmischt“, sagte Körting der „Berliner Morgenpost“. Als Beispiel nannte der Senator den Besuch des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan vor fast zwei Jahren am Ort der Brandkatastrophe in Ludwigshafen, bei der neun Menschen türkischer Herkunft ums Leben kamen. Dabei hätten sich viele Türken längst in die deutsche Gesellschaft integriert.
Der stellvertretende Vorsitzende der Türkischen Gemeinde Deutschlands, Hilmi Kaya Turan, hat die Vorwürfe zurückgewiesen. „Die Ursachen für die Probleme mit Migranten muss man in der Gesellschaft hier suchen“, sagte Turan der „Märkischen Oderzeitung“. „Viele Menschen mit türkischem Hintergrund fühlen sich in Deutschland nicht angenommen“, sagte Turan. Ein Hauptproblem sei das schlechte Image, das den Türken vom deutschen Staat zugewiesen werde. Solange man versuche, die Schuld anderen zuzuschieben, weise man die Verantwortung von sich. (sa)
Mittwoch 30. Dezember 2009
„Der harte Kern der Islamophobie ist rassistisch“
Der
Direktor des Deutschen Instituts für Menschenrechte in Berlin und Professor
für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der Universität Erlangen-Nürnberg,
Heiner Bielefeldt, bezeichnete den „harten Kern der Islamophobie“
als rassistisch. Die Abneigung gegen Ausländer oder anders Aussehende werde
gern als Religionskritik ausgegeben, weil sie hier bis in bürgerliche und
linksliberale Kreise anschlussfähig seien. „Sie posieren als Helden
der Aufklärung, indem sie auf Minderheiten eindreschen“, sagte Bielefeld
der „Tageszeitung“.
Der katholische Theologe und Philosoph betonte, dass über religiöse Fragen in vielfältiger Weise diskutiert werden müsse. Die Meinungsfreiheit gelte auch für pauschale, aggressive und geschmacklose Vorwürfe. „Die Grenze ist aber erreicht, wo es nicht mehr um eine Diskussion, sondern um bloße Diffamierung und Ausgrenzung geht“, so Bielefeld. Er sprach von einer gefährlichen Ausgrenzung, wenn den Muslimen eine strukturelle Verlogenheit unterstellt wird. „Wer sich in diese Logik hineinbegibt, wird nicht mehr aus ihr herausfinden. Vielmehr ist jedem Gesprächspartner zunächst einmal Glaubwürdigkeit zu unterstellen, bis zum Beweis des Gegenteils."
Das Grundgesetz sei für in Deutschland aufgewachsene Muslime eine Selbstverständlichkeit, ist sich Bielefeld zudem sicher. „Ich kann verstehen, dass sie hilflos, überrascht und verärgert reagieren, wenn von ihnen - in einem oft inquisitorischen Ton - Sonderbekenntnisse verlangt werden. Niemand fragt einen christlich geprägten Menschen, wie sich bestimmte Stellen in der Bibel mit dem Grundgesetz vertragen.“ Dabei hätten die christlichen Kirchen gegenüber dem Islam nur einen Erfahrungsvorsprung im Umgang mit dem säkularen Staat. „Es wäre falsch zu sagen, die Christen haben die Aufklärung bereits hinter sich und der Islam hat sie noch vor sich. Vielmehr ist dieser Prozess bei beiden Religionen nicht abgeschlossen“, so Bielefeld abschließend. (sa)
Mittwoch 23. Dezember 2009
Hamburger Bischöfin kann sich Muezzin-Ruf vorstellen

Hamburgs Bischöfin Maria Jepsen kann sich einen wöchentlichen Muezzin-Ruf in der Hansestadt grundsätzlich vorstellen. Die CDU sieht darin eine Provokation. Die SPD ist skeptisch. Dabei liege noch kein Antrag vor.
„Wenn es nicht mit großen Lautsprechern übertragen würde, glaube ich, würde ein Ruf zum Freitagsgebet nicht unbedingt stören, sondern deutlich machen: Die Muslime sind auch hier bei uns, sie verstecken sich nicht, sie geben ein Zeichen“, sagte die Hamburger Bischöfin in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Vor allem aber müssten die Bewohner des Stadtteils einverstanden sein. "Es müsste sehr ausführlich mit ihnen beraten werden", sagte Maria Jepsen. Das sensible Miteinander dürfe nicht zerstört werden.
Sie könne sich zudem nicht vorstellen, dass die Menschen in Hamburg für ein Bauverbot von Minaretten stimmen würden, wie in der Schweiz. "Wenn so etwas aufkäme, würden wir es sicher im Interreligiösen Forum miteinander bereden", sagte Jepsen. "Was wir an Integrationsarbeit im religiösen Bereich leisten, wird manchmal gar nicht so wahrgenommen."
Wolfgang Beuß von der CDU lehnt hingegen den Muezzin-Ruf in Hamburg kategorisch ab. "Rufe eines Muezzins vom Minarett einer Moschee kann ich mir in Hamburg kaum vorstellen, und ich befürworte so etwas auch nicht", sagt der Fraktionsvize und kirchenpolitischer Sprecher der CDU. "Minaretten sind kein bloßer Bauschmuck, sondern politische und religiöse Symbole, sie verkörpern einen Machtanspruch. Sie dienen daher keineswegs dem Religionsfrieden", so Beuß gegenüber der Welt. "In unserer Gesellschaft herrscht eine latente Angst vor religiöser Überfremdung." Den Ruf eines Muezzins würden viele Menschen, so glaubt Beuß, als Provokation empfinden. Das leiste einer feindseligen Stimmung Vorschub.
"Es fällt mir nicht leicht, mir das vorzustellen", sagte auch der SPD-Fraktionschef Michael Neumann. Gleichwohl sei der Islam in Deutschland angekommen. Man müsse solche Entscheidungen pragmatisch fällen. (sa)
Mittwoch 23. Dezember 2009
Kardinal Meisner bezeichnet „Asymmetrie“ bei der Religionsfreiheit
als Auslöser für die Islamfeindlichkeit

Im Interview der Woche des Deutschlandfunks erklärt Kardinal Joachim Meisner, dass eine Abstimmung wie in der Schweiz über das Bauverbot von Minaretten in Deutschland kaum anders ausfallen würde. Grund dafür sei eine Asymmetrie bei der Religionsfreiheit, glaubt Meisner. Christen würden in muslimischen Ländern in ihrem religiösen Leben behindert. In Europa werde aber gerichtlich geboten, „dass eine deutsche Schule einem Muslim einen Gebetsraum zur Verfügung stellen muss.“ Da stimme etwas nicht, so Meisner.
Obgleich der Kardinal in dem Interview die Bedeutung der Religionsfreiheit hervorhebt, sieht er darin gleichwohl einen Auslöser für die Islamfeindlichkeit, da sie in islamisch geprägten Ländern nicht beachtet werde: "Es ist ein Kampf, der vergeblich ist. Und da fragt man sich vom Gefühl her: Da stimmt etwas nicht. Und daher kommt auch so die ganze Aversion gegen unsere muslimischen Mitbürger", sagte Kardinal Meisner wörtlich. „Da haben auch die Muslime ein Recht, ihre Religion zu leben bis hin zum Moscheebau. Aber wenn gleichzeitig in Europa verboten oder geboten werde, "dass wir die Kreuze abnehmen" etwa vom Europäischen Gerichtshof angeordnet, und ein deutsches Gericht verfüge, dass in einer deutschen Schule ein Zimmer für muslimische Schüler zum Gebet freigemacht werden müsse, "dann ist das so eine Asymmetrie, dass die Leute sagen, hier stimmt doch was nicht".
Dabei lässt der Kardinal unbeachtet, dass auch in Deutschland religiöse Minderheiten Diskriminierungen und Behinderungen zu beklagen haben und viele Frauen etwa wegen des Kopftuchverbots nicht ihren Beruf ausüben können, und sich somit weder entfalten, noch der Gesellschaft einen Beitrag leisten können. Hinzu kommt, dass Meisner von einer Schwäche des Christentums und einer Stärke des Islams spricht und damit die Angst vor religiöser Überfremdung verstärkt. (sa)
Mittwoch 16. Dezember 2009
Debatte um Schweizer Minarett-Verbot im Hessischen Landtag

Während einer Debatte im Hessischen Landtag forderte die CDU-Fraktion, die Ängste der Bevölkerung vor dem Islam ernst zu nehmen. SPD und Grüne warnten vor einer Instrumentalisierung und wiesen darauf hin, dass Grundrechte nicht verhandelbar sind.
Auf Initiative der CDU und FDP-Fraktion wurde vergangene Woche im Hessischen Landtag über den Schweizer Volksentscheid zum Minarett-Verbot debattiert. Der Schweizer Volksentscheid belege, so die CDU/FDP, „dass es auch im Jahr 2009 in europäischen Ländern trotz zahlreicher nationaler, europäischer und internationaler rechtlicher Regelungen nach wie vor in Teilen der Bevölkerung große Ängste im Umgang mit Migranten insbesondere muslimischer Religionszugehörigkeit und ihren Traditionen gibt.“ Diese Ängste müssten ernst genommen und im Rahmen einer nachhaltigen Integrationspolitik berücksichtigt werden.
Ängste ernst nehmen
Aus „der demokratischen Schweizer Entscheidung” müssten “die richtigen Schlüsse gezogen“ werden, sagte der integrationspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion, Hans-Christian Mick, in seiner Rede. Dabei müssten „die Ängste der Bevölkerung … ernst genommen werden.“
Ähnlich wie sein Fraktionskollege, wies auch der innenpolitische Sprecher der CDU, Rolf Müller, darauf hin, dass das Ergebnis der Volksabstimmung in der Schweiz zeige, „dass viele Menschen offensichtlich viele Bedenken, Vorbehalte, sogar Ängste haben, wenn verschiedene Kulturen und Religionen aufeinander treffen. Diese Gefühle müssen wir ernst nehmen. Die Diskussion über das Verhältnis zum Islam in Europa muss deshalb offener werden“, so Müller.
Diese Ängste fänden beispielsweise in den Moscheen und den Minaretten ihre Symbole. Viele Menschen empfänden Minarette als Ausdruck von Bedrohung. Dabei gehe es „um die politische Seite des Islam“. Außerdem dürfe man, so Müller weiter, nicht vergessen, dass es „Anlässe für Gefühle von Bedrohung“ gebe. „Ist doch unbestritten, dass die Terroristen des 11. September 2001 aus einem islamistischen Umfeld gekommen sind“.
Integrationsminister Jörg-Uwe Hahn (FDP) sagte, dass man diesen Ängsten nur begegnen könne, wenn man offen und frei von Vorurteilen darüber reden könne. „Ist es klug, von einem schändlichen Ergebnis zu sprechen?“, fragte Hahn und verneinte zugleich: „Wir lösen doch Angst nicht damit, dass wir deren Ursachen tabuisieren“. Man müsse mit den Menschen reden. Das könne man nur, wenn man eine „vorurteilsfreie Debatte führt“. Und diese Debatte müsse ergebnisoffen geführt werden.
Glaubensfreiheit ist nicht verhandelbar
Der integrationspolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Gerhard Merz, hingegen machte deutlich, dass der Versuch unzulässig sei, die Schweizer Volksabstimmung zu instrumentalisieren: „Die Frage der Konsequenzen aus dem Schweizer Volksentscheid mit einer Debatte über islamischen Terrorismus zu verbinden, ist einer konstruktiven Auseinandersetzung nicht förderlich.“
Ebenso unzulässig sei es, eine ‚ergebnisoffene‘ Diskussion zu fordern, wie dies Minister Hahn in der Debatte getan habe. „In der Frage der Aufhebung von Grundrechten durch Volksentscheid kann es keine ‚ergebnisoffene‘ Diskussion geben. Hier sind klare Worte dazu gefragt, welche Schranken für Mehrheitsentscheidungen es in einer rechtsstaatlichen Demokratie gibt“, so Merz.
An die die Feierlichkeiten zum 60 jährigen Grundgesetz erinnerte Mürvet Öztürk, die integrationspolitische Sprecherin der Grünen-Landtagsfraktion. Gemeinsam habe man immer wieder betont, wie umsichtig und weitsichtig die Väter und Mütter des Grundgesetzes waren, „dass sie das Grundgesetz geschaffen haben, wie sie es geschaffen haben.“ Das Grundgesetz gelte ohne Wenn und Aber und für alle in diesem Land lebende Menschen.
Dass Moscheen in Deutschland gebaut werden dürfen, sei also unbestritten. Man könne höchstens um die Frage des Wie und Wo streiten. Öztürk weiter: „Wir haben Verständnis dafür, wenn von der muslimischen Bevölkerung Hessens der Standort von Moscheen in Hinterhöfen, Industrie- oder Gewerbegebieten als unwürdig empfunden wird und sie repräsentative Moscheen in den Stadtzentren bauen wollen. Möchte man die Fragen des Wie erörtern, dann sind Fragen wie. z.B. nach dem städtebaulichen Einklang mit der Nachbarschaft, der Größe der Moschee und der Architektur durchaus legitim. Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen darf und soll stattfinden, doch Ziel sollte es sein, zu einer einvernehmlichen Lösung aller Beteiligten zu kommen.“
Desinteresse der CDU
Barbara Cardenas (Die Linke) hingegen bemängelte ein Desinteresse Seitens der Politiker. So würden CDU-Politiker beispielsweise wenig Interesse an den Heitmeyer-Studien zeigen, aus der hervorgehe, dass es eine „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in der deutschen Gesellschaft gibt“.
„Was ist zu tun?“, so Cardenas weiter. Die Politik müsse Ängste abbauen. Doch führte sie auf, wie beispielsweise der Hessische Ministerpräsident Roland Koch immer wieder Minderheiten für politische Zwecke instrumentalisiere. Auch habe Angela Merkel, „sieben Wochen“ gebraucht, „um Ihr Bedauern über den Tod von Marwa El-Sherbini auszudrücken“.
Montag 14. Dezember 2009
Thilo Sarrazin sorgt erneut für Schlagzeilen
Ex-Finanzsenator
Thilo Sarrazin sorgt erneut mit provokanten Äußerungen für Schlagzeilen.
Der „Bild“-Zeitung zufolge forderte er ein Kopftuchverbot für
Schülerinnen. „Ich würde Kopftücher im Unterricht untersagen.
Sie sind kein religiöses Symbol, sondern ein politisches“, sagte
er demnach auf einer Podiumsdiskussion. Indessen hagelt es Kritik: Politiker
fordern den Rücktritt des Bundesbank-Vorstands.
Laut „Bild“-Zeitung forderte der frühere Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin ein Kopftuchverbot in Schulen. „Ich würde Kopftücher im Unterricht untersagen. Sie sind kein religiöses Symbol, sondern ein politisches“, sagte er Berichten zufolge auf einer Podiumsdiskussion. Ferner bezeichnete Sarrazin Kopftücher als „Symbol des Machtanspruchs des Mannes über die Frau“. Zur besseren Integration schlug er vor: „Erstens den Zuzug begrenzen. Zweitens diejenigen, die da sind, unter Integrationsdruck setzen. Politik und Gesellschaft müssen eine Erwartungshaltung herstellen.“
Die Grünen-Bundesvorsitzende Claudia Roth kritisierte Sarrazins Äußerungen und forderte seine Entlassung aus dem Vorstand der Bundesbank. „Sarrazin ist in einem öffentlichen Amt längst nicht mehr zu rechtfertigen und gehört deshalb von der Bundesbank endlich gefeuert“, erklärte Roth in einer Pressemitteilung. Sarrazins Aussprüche zeigten "einmal mehr die Unfähigkeit, Minderheiten mit Respekt gegenüber zu treten".
Auch der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening (Grüne) nahm Stellung zu Sarrazins provokanten Äußerungen. Das Kopftuchverbot sei „mit unserer Verfassung in keiner Form vereinbar“, sagte er der "Welt am Sonntag". „Herr Sarrazin sollte ins Grundgesetz schauen: In unserem Land herrscht Religionsfreiheit“, sagte Piening weiter. Nach den jüngsten Äußerungen werde es wohl wieder eine Debatte um seine Funktion als Bundesbank-Vorstand geben. „Als Bundesbank-Vorstand wurde er vom Bundespräsidenten ernannt. Wenn so eine hoheitliche Institution so einen gefährlichen Unsinn erzählt, wird es schwierig“, so Piening.
Sarrazins Forderung nach einem Kopftuchverbot rief auch bei der SPD Unverständnis hervor. „Der Vorschlag ist weder neu, originell, realitätsnah noch verfassungsgemäß“, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer, Christian Gäbler. „Ich weiß nicht, was Sarrazin dazu bewegt, vielleicht langweilt er sich in Frankfurt.“
Das Präsidiumsmitglied der Islamkonferenz, Badr Mohammed, bezeichnete Sarrazin in einem Bericht der „Berliner Morgenpost“ als einen „gefährlichen Prediger auf der christlichen Seite“. „Ich rufe Bundeskanzlerin Angela Merkel auf, diesen Kulturkampf so schnell wie möglich zu beenden“, sagte Badr. (fy)
Montag 07. Dezember 2009
Innenminister appellieren an Muslime sich beim Moscheebau zurückzuhalten

Erste politische Auswirkungen des Schweizerischen Minarett-Verbots: Innenminister von Bund und Ländern legen den muslimischen Gemeinden in Deutschland nahe, keine dominanten, imposanten Moscheen zu bauen, um „die deutsche Bevölkerung nicht zu überfordern“.
Im Interview mit der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ sagte Hessens Innenminister Volker Bouffier (CDU), dass die muslimischen Gemeinden aus Rücksicht auf die Bevölkerung sich beim Moscheebau zurückhalten sollten. „Natürlich haben die Muslime in Deutschland ein Recht darauf, Moscheen zu bauen. Sie sollten aber darauf achten, die deutsche Bevölkerung damit nicht zu überfordern“, erklärte Bouffier.
Minarette oder Kuppeln einer Moschee, die wegen ihrer Größe eine Stadt oder ein Dorf dominieren, schürten Ängste vor einer Islamisierung und lösten Proteste aus, so der CDU-Politiker. Aus diesem Grund werde die Innenministerkonferenz sich mit dem Thema befassen und an die muslimischen Verbände appellieren, „im eigenen Interesse auf allzu dominante Bauwerke zu verzichten, auch wenn diese baurechtlich vielleicht zulässig wären“.
Desweiteren teilte Bouffier mit, dass sich die Innenminister dafür aussprechen wollen, „den Dialog mit den Muslimen in Deutschland weiter zu intensivieren“. Die Islamkonferenz sei ein erfolgreiches Modell und müsse „fortgesetzt und möglichst ausgebaut werden“. Sie könne dazu beitragen, die Ängste und Sorgen auf muslimischer und deutscher Seite weiter abzubauen.
Die Innenministerkonferenz fand am Donnerstag und Freitag in Bremen statt. Neben dem Minarett-Verbot wurden die Themen Gewalt gegen Polizeibeamte, Feuerwehrleute und Rettungskräfte, die Arbeit der Polizei bei Fußballspielen und die Sicherheit im öffentlichen Nahverkehr behandelt.
Das Hauptthema war jedoch das Bleiberecht für geduldete Flüchtlinge. Hinsichtlich des Bleiberechts entschieden die Innenminister, geduldete Flüchtlinge vorerst nicht abzuschieben. Die Frist wurde um zwei Jahre verlängert. (fy)
Sonntag 06. Dezember 2009
Zahl der Ehrenmorde weniger als behauptet

In den Debatten über Ehrenmorde wird der Einwand, dass auch solche Fälle als Ehrenmorde betrachtet werden, die einen anderen Hintergrund haben, kaum wahrgenommen. Die Kritik ist Volkskundlerin Anna Caroline Cöster zufolge jedoch nicht unberechtigt. Die Wissenschaftlerin analysierte für ihre Dissertation 25 Gerichtsurteile zu Ehrenmorden. Es werde kaum zwischen Ehrenmorden und anderen Mordfällen differenziert.
Die Angabe des Bundeskriminalamtes, dass es in den letzten neun Jahren 55 Ehrenmorde in Deutschland gegeben habe, sei demnach viel zu hoch, sagte die Volkskundlerin in einem Gastvortrag an der Universität Münster. Sie habe für ihre Dissertation 25 Gerichtsurteile zu Ehrenmorden untersucht. „Dabei handelte es sich nur in zehn Fällen tatsächlich um einen geplanten Mord im Namen der Ehre. Die anderen Taten waren meist Affekthandlungen, etwa aus Eifersucht“, sagte Cöster.
Pauschale Schlüsse zu ziehen und Ehrenmorde mit der Religion zu begründen ist der Wissenschaftlerin zufolge die falsche Herangehensweise. „Gewalt im Namen der Ehre wird von keiner Religion gefordert, auch nicht vom Islam.“
Ferner teilte Cöster mit, dass nicht nur Frauen Opfer von Ehrenmorden seien. „In den von mir untersuchten Fällen traf es Männer genauso häufig tödlich“, sagte sie. Die Volkskundlerin bemängelte, dass Schutzeinrichtungen sich jedoch weitestgehend an Frauen wendeten. „Eine Einrichtung für Männer, die mit Frauenhäusern vergleichbar ist, gibt es bislang nicht.“ (fy)
Dienstag 01. Dezember 2009
Keine Erlaubnis für das Schächten am Opferfest

Einem türkischen Metzger wurde das Schächten am Opferfest verboten. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof (VGH) nannte als Grund für die Entscheidung den Tierschutz. Das Schächten dürfe genehmigt werden, wenn zwingende religiöse Gründe vorliegen, doch in diesem Falle habe der Antragsteller die religiöse Notwendigkeit „nicht ausreichend“ dargelegt.
Laut den gesetzlichen Bestimmungen ist das Schlachten ohne Betäubung in Deutschland im Regelfall verboten. Die Erlaubnis zum Schächten dürfe jedoch genehmigt werden, wenn dies aus religiösen Gründen zwingend erforderlich ist. Die religiöse Notwendigkeit habe der Antragsteller jedoch nicht ausreichend darlegen können, teilte das Gericht am Freitag mit. Allgemeine Ausführungen und Zitate von Koranstellen bewertete das Gericht als nicht ausreichend.
Ferner sei die Tatsache, dass Muslime im Regelfall Fleisch konventionell geschlachteter Tiere essen ein Hinweis darauf, dass „innerhalb dieser Gemeinschaft kein bindendes Schächtgebot“ bestehe, argumentierten die Richter. So lägen dem Schächten zu besonderen Anlässen wie dem Opferfest „weniger religiöse, sondern eher traditionelle Motive“ zugrunde. Dies rechtfertige keine Ausnahme vom Tierschutzgesetz. Damit bestätigte der Verwaltungsgerichtshof ein Urteil des Verwaltungsgerichts München. (fy)
Dienstag 01. Dezember 2009
Bundesinnenminister gratuliert den Muslimen zum Opferfest

Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière gratuliert den Muslimen zum islamischen Opferfest und richtet sich mit einem Grußwort auf der Internetseite der Deutschen Islam Konferenz an sie.
"Das islamische Opferfest fällt in diesem Jahr zusammen mit dem ersten Advent, eine Zeit also, die für Muslime und Christen Einkehr, Gebet und Frieden bedeutet. An diesem höchsten islamischen Fest erinnern Muslime an Abraham, den gemeinsamen Stammvater von Juden, Christen und Muslimen. Somit gewinnt nicht nur der diesjährige Zeitpunkt, sondern auch das Wesen des Opferfestes eine verbindende Dimension zwischen den Menschen in unserem Land.
Das Opferfest gibt mir Gelegenheit, Ihnen, den Musliminnen und Muslimen in Deutschland zu versichern, dass ich den gemeinsam eingeschlagenen Weg des Dialogs in der Deutschen Islam Konferenz fortsetzen werde. Dabei sehe ich die Aufgabe der Konferenz an erster Stelle in der Stärkung des inneren Friedens und Zusammenhalts unserer Gesellschaft, der nur miteinander erreicht werden kann.
Die große Mehrheit der Muslime lebt gern in Deutschland. Und so sind Muslime ein bedeutender und wertvoller Teil unseres Alltags und unseres gesellschaftlichen Lebens. Wir haben in den letzten Jahren gelernt, uns mehr und mehr in gegenseitigem Respekt zu begegnen. Das wollen wir auch weiterhin tun und uns in kontinuierlichem Dialog gegenseitig stärken. Gemeinsam müssen wir sowohl Ängste und Vorurteile abbauen, als auch dem Islamismus entgegenwirken.
Ich wünsche allen muslimischen Bürgerinnen und Bürgern in unserem Land eine gesegnete Zeit des Feierns, Betens und der Besinnung."
Dr. Thomas de Maizière
Bundesminister des Innern