06.03.2006 | Nachrichten>International
Bosnien verlangt Gerechtigkeit
Der Internationale Gerichtshof der Vereinten Nationen in Den Haag hat mit den Anhörungen zur Völkermordklage Bosniens gegen Serbien-Montenegro begonnen
Bosnien klagte bereits im Jahre 1993 beim UN-Gerichtshof gegen dasehemalige Jugoslawien. Doch schon 2 Jahre daraufhin fielen acht tausend Muslime in Srebrenica einer Massenvernichtung zum Opfer. Die bosnische Landesregierung hat 2003 ihre Klage novelliert und brachte das Verfahren wieder ins Rollen. Die Prozessvertreter Bosniens vermuten, dass mindestens zwei Drittel der Verstorbenen während der Kriegszeit Opfer von Mord sind. Sollte der Gerichtshof sein Urteil für die Bosnier aussprechen, so droht Serbien-Karadag eine Bußgeldstrafe in Milliardenhöhe.
Der Gerichtshof trägt dafür Sorge, dass die gefassten Beschlüsse auch von beiden Seiten eingehalten werden. Andernfalls soll das UN-Sicherheitstribunal eingeschaltet werden.
Während der Völkermord vor den Richtern im Haager Friedenspalast debattiert wurde, erinnerten vor dem Gebäude mehrere Hundert Opfer, Angehörige und Demonstranten an die Gräueltaten.
Die Demonstration wurde von der Göttinger „Gesellschaft für Bedrohte Völker“ (GfbV) zusammen mit der Bosnisch-Islamischen Föderation organisiert. Die Bekundungen wurden in verschiedenen Sprachen verlesen. Die GfbV erhielt auch aktive Unterstützung des Vereins „die Mütter von Srebrenica“. Vor dem Gerichtshof stellten die Demonstranten Transparente mit den bisher bekannten 8106 Namen und Geburtsdaten der Ermordeten auf und lasen diese vor.
Die Mütter Srebrenicas kamen zu den Prozessverhandlungen mit zwei vollbesetzten Bussen, um den Prozess zu unterstützen. „Das Gericht muss zeigen, dass schließlich das Recht obsiegt. Manche von uns haben ihre Männer und Väter verloren und manche ihre Kinder. Wir wehklagen zu der Weltöffentlichkeit als lebendige Zeugen dafür, dass wir auf Ekel erregende und erniedrigende Art unserer Würde beraubt wurden. Wir leiden immer noch, unsere Unterkünfte wurden zerstört, unsere Männer ermordet. Unsere geliebte Stadt, Srebrenica, ist nun zu unserer Grabstätte geworden. Jedoch verdrängen wir unsere Traumata und schlimmen Erlebnisse und fordern nur, dass die Verantwortlichen, die noch am Leben sind, endlich verurteilt werden. Es soll die Gerechtigkeit siegen!“, verlangten die Kundgebungsteilnehmer.
Die Mütter Srebrenicas nahmen nach der Kundgebung am gemeinsamen Abendessen mit der Islamischen Föderation Holland teil. Einige Kurzvorträge und die Präsentübergabe nach dem Essen sorgten für bewegende Momente. „Unser 500jähriges Zusammensein wurde leider zwangsweise unterbrochen. Jedoch haben wir euch nie vergessen“, so der Gastgeber und Vorsitzender des IGMG Regionalverbandes Süd-Holland, Mehmet Yaramis, in seinem Grußwort. Yaramis erwähnte in seiner Rede seine Freude über die Begegnung nach der jahrelangen Trennung. „Unsere Unterstützung bei den Verhandlungen sei ihnen hiermit erneut mitgeteilt. Wir verurteilen die Schandtaten und die Verbrechen der Vergangenheit aufs Schärfste. Für uns, das türkische Volk, ist die Schuld-Unschuld-Frage immernoch eindeutig und klar. Unsere Solidarität und Unterstützung ist euch selbstverständlich weiterhin gewährt“, so Yaramis.
Anschließend hatte Kada Hotic, stellvertretende Leiterin des Vereins „die Mütter von Srebrenica“, das Wort. „Wir haben stets die wohlwollende Unterstützung und Fürsorge unserer türkischen Geschwister empfunden und erlebt“, sagte Hotic. Sie bedankte sich für die nette Gastfreundschaft der IGMG und stellte ebenfalls klar, dass die Funkstille nun endgültig gebrochen sei und eine Ära der Begegnung begonnen habe.
Die Vorsitzende des Vereins für vergewaltigte Frauen, Bakira Hasicic, berichtete in ihrer Rede über die Erlebnisse von Misshandelten. Hasicic erzählte von den systematischen Folter- und Gewaltakten des serbischen Militärs, die sie an den bosnischen Frauen und Mädchen ausgeübt haben und versetzte damit die Anwesenden in tiefe Trauerstimmung.
Ahmo Turbo, Vorsitzender der bosnisch-islamischen Föderation, bedankte sich bei der IGMG für ihre Hilfen und Unterstützung. (sb)
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