08.11.2005 | Nachrichten>International
Nach dem Erdbeben in Pakistan
Nach
dem Erdbeben in der Region um Pakistan, Kaschmir, Afghanistan und Indien wurden
wir als Hilfsteam mit einer Soforthilfe in Höhe von 30.000 Euro nach Islamabad,
der Hauptstadt von Pakistan, gesandt.
Dort wurden wir beauftragt, die Erdbebenzentren zu untersuchen,
mit den zuständigen Behörden für das Katastrophenmanagement und
den Hilfsorganisationen zu reden und den Opfern zu helfen. Ohne Zeit zu verlieren,
fuhren wir nach Azad Kaschmir. Unsere erste Station war die vom Erdbeben sehr
stark betroffene Stadt Muzaffarabad.
MUZAFFARABAD
Kaschmir ist die Region, wonach Indien und Pakistan den alleinigen Anspruch erheben und deswegen es immer wieder zu Konflikten zwischen beiden Ländern kommt. Dabei geht es um ein Land, dass so groß wie Deutschland ist.
Azad Kaschmir ist der nördliche Teil von der pakistanischen Seite Kaschmirs. In dieser Region sind fast alle Häuser zerstört worden. Die größte Stadt dort ist Muzaffarabad, die etwa 150 Kilometer von der pakistanischen Hauptstadt Islamabad entfernt ist.
Die Fahrt in Azad Kaschmir war sehr schwer und nahm doppelt soviel Zeit in Anspruch, wie auf normalen Straßen. Auf unserem Weg sahen wir viele Menschen, unter ihnen auch viele zu Fuß, die zu ihren Verwandten nach Islamabad oder nach Rawalpindi zu ihren Verwandten gingen. Dabei fuhren uns auch leere LKWs entgegen, die ihre Hilfsgüter abgeladen hatten. Die Anzahl der LKWs waren aber meiner Meinung nach nicht ausreichend für eine Katastrophe dieser Größenordnung.
Als wir in Muzaffarabad ankamen, sahen wir den vollen Ausmaß der Katastrophe . Fast alle Häuser
hier waren eingestürtzt oder stark beschädigt. Da sich das Erdbeben um neuen Uhr morgens ereignete, kamen sehr viele Menschen in öffentlichen Gebäuden ums Leben.
Unser Reiseführer teilte uns mit, dass hier in einer Grundschule 600 Schüler, in einem Krankenhaus etwa 1000 Menschen, in einer Universität 1500 Schüler und Lehrer sowie in einem Gefängnis zahlreiche Häftlinge ums Leben kamen. Noch schlimmer war der Gedanke, dass all diese Menschen immernoch dort begraben waren. Schüler, Kranke, Lehrer, Ärzte, Schwestern....Sie alle waren noch unter den Trümmern. Diese Gedanken und der Geruch von Leichen waren für uns eine sehr starke psychische Belastung. Wie aber hätten wir uns gefühlt, wenn diese Menschen unsere Familienangehörige wären?...
DIERKOT
Unsere Reise führte weiter nach Dierkot, einem Dorf zwischen Muzaffarabad und Bagh.
Die Menschen dort ließen uns in einem Haus unterkommen, dass unversehrt geblieben war. Diese Menschen waren sehr gastfreundlich und haben sich, trotz ihrer eigenen Probleme, um uns gekümmert. Ihre Gastfreundlichkeit wurde umso mehr, als sie hörten, dass wir Türken sind und von der IGMG beauftragt worden waren. Für einige Momente vergaßen sie sogar ihre Sorgen und erzählten uns von den historischen Beziehungen beider Länder. Auch lobten sie die IGMG für die Hilfen vor dem Erdbeben und vor allem für die Organisation am Opferfest.
Obwohl es tagsüber nicht so kalt war, fielen die Temperaturen in der Nacht auf minus vier bis fünf Grad. Ohne eine Decke wäre die Kälte unerträglich gewesen.
Auch in diesem Dorf waren fast alle Häuser eingestüzt. Die Häuser, die noch standen, sind unbewohnbar geworden und man konnte sie auch nicht mehr renovieren.
BAGH
Nach Dierkot fuhren wir nach Bagh, einer ebenfalls sehr stark zerstörten Stadt. Am Eingang der Stadt waren Hilfsorganisationen, die viele Erdbebenopfer versorgten. Leider gab es aber noch tausende Überlebende, denen nicht geholfen werden konnte. Die Anzahl der Zelte, die an die Katastrophengebiete gesendet wurden, sind immer noch zu gering und auch zum Teil nicht winterfest. Wenn nicht regelmäßig Lebensmittel eingeliefert werden, könnten die Vorräte gerade mal 15 bis 20 Tage ausreichen. Es gibt keine Gebäude mehr, die in Krankenhäuser umgewandelt werden können. Deshalb werden die Verletzen in Zelte untergebracht, die nicht geeignet für den Winter sind. Es werden dringend größere und winterfeste Zelte benötigt.
Später sahen wir, dass auch Bagh nahezu komplett zerstört worden war. Geschäfte, Schulen, Krankenhäuser. Hier war einfach alles zerstört. Dazu noch der Gestank tausender Leichen...
RAWALAKOT
Von Bagh aus fuhren wir nach Rawalakot. Alles was wir bisher gesehen hatten war so schlimm, dass wir uns auf die paar Häuser freuten, die hier unversehrt geblieben waren. Die Anzahl der Toten hier wurde nicht mit Zehntausenden, sondern “nur” mit Tausenden angegeben. Zudem gab es ein paar Geschäfte, die noch liefen. Ansonsten war aber auch hier alles zerstört. In Rawalakot waren Hilfezentren aufgebaut, wo pakistanische und ausländische Helfer den Opfern in Rawalakot und seiner Umgebung Hilfe leisteten. Nachdem wir unsere Arbeit in Rawalakot beendeten, fuhren wir nach Islamabad und verbrachten die Nacht dort.
BALAKOT
Am nächsten Morgen fuhren wir nach Balakot, dem eigentlichen Zentrum des Erdbebens. Balakot ist eine pakistanische Stadt, die ca. 250 Kilometer von Islamabad entfernt ist. Auf dem Weg nach Balakot fährt man durch einige Großstädte, wie Taxila, Hanpur, Haripor, Hawelion und Abottabad, die vom Erdbeben nicht so stark beschädigt wurden. Wir freuten uns, dass diese Städte in der Nähe von Balakot waren. Wir haben uns gedacht, dass dadurch den Menschen in Balakot besser geholfen werden konnte. Außerdem waren die Straßen hier leichter zu befahren als in Azad Kaschmir.
Aber als wir in Balakot ankamen, waren wir schockiert von dem, was wir da sahen. Die Touristenstadt Balakot war komplett zerstört. Wir haben dort kein einziges Haus gesehen, das noch stand. Häuser, Schulen, Krankenhäuser, Geschäfte...Alles war zerstört. Dazu erfuhren wir, dass in der Nähe ein Berg fast zur Hälfte eingestürzt war und ein ganzes Dorf unter sich begraben hat.
Am nächsten Tag sprachen wir mit den örtlichen Behörden darüber, wo wir am besten unsere Soforthilfe in Höhe von 30 000 Euro einsetzen sollten und wie wir auch danach helfen könnten. Nachdem wir uns mit anderen Hilfsorganisation abgesprochen hatten, gaben wir das Geld für Zelte, Decken, Lebensmittel, Medikamente und andere Hilfsgüter aus. Zum Teil haben wir die Hilfsgüter den Opfern selbst übergeben und mit ihnen über ihre Probleme geredet. Viele von ihnen hatten ihre Familien verloren. Jede Menege Waisenkinder, Witwen und Menschen, die Keinen mehr hatten. Keiner wußte mehr wie es weitergehen sollte. Diese Menschen brauchen dringend psychologische Betreuung und jede Menge Hilfe.
Was geschieht jetzt?
Zwar ist das Erdbeben vorbei, die eigentliche Katastrophe aber steht noch bevor. Bald ist Winter. Wenn im Winter keine weiteren Zelte, Lebensmittel sowie andere Hilfsgüter nach Azad Kaschmir gesendet werden, werden erneut Zehntausende ihr Leben verlieren.
Nach Angaben der Behörden und auch der Hilfsorganisationen müssen die Hilfen in drei Stufen erfolgen.
1. Soforthilfen, die zum Teil bereits geleistet werden.
2. Mittelfristige Hilfen bis der Winter vorbei ist. Der Wiederaufbau kann im
Winter nicht erfolgen. Zunächst einmal brauchen die Menschen hier winterfeste
Zelte und dringend Hilfe für Probleme, die sie nicht aus eigener Kraft
bewältigen können.
3. Ab dem Sommer 2006 müssen Möglichkeiten geschaffen werden, so dass
die Opfer sich selbst helfen können. Städte, Dörfer, Schulen,
Krankenhäuser, usw. müssen wieder aufgebaut werden. Den Menschen müssen
Arbeitsmöglichkeiten geschaffen werden.
Wichtige Angaben zum Erdbeben:
- Die Zahl der Toten und Verletzten in der Erdbebenregion beträgt 250 000.
- Es gibt immernoch unerreichte Dörfer.
- Die Erdbebenzentren sind Muzaffarabad, Bagh, Rawalakot und Balakot.
- Balakot liegt in Pakistan, die anderen drei Erdbebenzentren in Azad Kaschmir.
- Die Zahl der Toten ist die Zahl der geborgenen Leichen. Es gibt noch tausende Leichen unter den Trümmern. Es wird vermutet, dass die Zahl der Toten auf über 100 000 steigen wird.
- In keiner der Erdbebenzentren wurde mit den Aufräumarbeiten begonnen.
- Alle Hilfsorganisationen sind in vollem Einsatz.
- Organisierte Hilfen sind viel Effektiver, als individuelle Hilfen.
- Die Überlebenden verlassen die zerstörten Städte und fliehen nach Islamabad und Rawalpindi zu ihren Verwandten. Auch dort wurden Zelte aufgebaut, wo die Opfer versorgt werden.
- In Muzaffarabad, Bagh und Balakot sind fast alle Häuser eingestürzt. Die, die noch stehen, sind unbewohnbar.
- Zusammen mit den ausländischen Organisationen gibt
es etwa 100 000 Helfer.