27.09.2005 | Nachrichten>Deutschland
Immer mehr muslimische Schülerinnen erfahren verbale Attacken an niedersächsischen Schulen
Muslimische Schülerinnen berichten immer öfter über verbale Konfrontationen mit ihren Lehrern in der Schule

Angespannte Verhältnisse bestehen derzeit in der Freiherr-von-Stein Realschule in Hannover. Denn seitdem das Kopftuch in den Medien zum Politikum geworden ist, zeigen die Lehrkräfte unterschiedliche Reaktionen im Umgang mit muslimischen Schülerinnen.

Während sich einige von den Diskussionen um die Kopfbedeckung von Musliminnen unbeeindruckt lassen, tragen nun wiederum andere Schulbeamte vermeintlich richtige Gegenargumente in die Schulklassen hinein, in die meist ihre eigenen politischen Weltanschauungen mit einfließen.

„Das Kopftuch ist ein politisches Symbol!“, wirft eine Politiklehrerin zu Beginn der Unterrichtsstunde in den Raum. Funda R., Kopftuchtragende Schülerin islamischen Glaubens, fühlt sich automatisch von den provokativen Wörtern der Lehrerin angesprochen und antwortet darauf: „Nein, das stimmt so nicht! Das Kopftuch ist ein Gebot Gottes, das im Koran vorzufinden ist.“

„Nein. Ich habe die Übersetzung des Korans mehr als sechs Mal durchgelesen und ich bin mir sicher, dass ein derartiges Gebot nicht im Koran steht“, erwidert daraufhin die Politiklehrerin. Die verdutzte Acht-Klässlerin sucht sich gegen die verbale Attacke ihrer Lehrerin zu verteidigen. „Dann lesen sie sich die Übersetzung ein weiteres Mal durch. Sie haben es sicher übersehen. Denn im Koran steht, dass wir das Kopftuch tragen müssen und nicht im Politikbuch!“, wendet Funda ein.

Der folgende Satz der Lehrerin bringt Funda zum Schweigen: „Ich habe Religion studiert und ich weiß es besser als du. So etwas steht nicht im Koran!!“

Nicht nur im Politikunterricht begegnet Funda Auseinandersetzungen dieser Art. „Ich muss mich immer verteidigen. Meine anderen Freundinnen, ebenfalls Musliminnen mit Kopftuch, trauen sich nicht, sich gegen die Meinung der Lehrer zu widersetzen, obwohl sie ihre Meinungen nicht teilen. Da fasse ich immer wieder meinen Mut zusammen und begebe mich harschen Konfrontationen mit meinen Lehrern“, erklärt Funda.

„Hier noch ein Beispiel bei den Vorbesprechungen für unser Betriebspraktikum:

Eine Mitarbeiterin von der Galeria Kaufhof hat ihre Filiale vorgestellt und Arbeitsplätze mit Zukunftschancen erwähnt. Da fragte meine Freundin die Mitarbeiterin folgendes: „Kann man bei ihnen auch mit einem Kopftuch arbeiten?“

„Nein, im Allgemeinen nicht. Wenn schon im Lager, wo kein persönlicher Kundenkontakt besteht“, lautete die Antwort der Kaufhof-Mitarbeiterin“, berichtet Funda.

Die Traurigkeit und Verletztheit, die Funda in diesen Momenten empfunden hat, wurde unter einem Grinsen und uneinvernehmlichem Kopfschütteln verdeckt.

Viele der dort anwesenden Schülerinnen die ebenfalls ein Kopftuch tragen, guckten vor sich hin ins Leere, mit den Gedanken der Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit.

Die Klassenlehrerin von Funda, die auch bei der Praktikumsbesprechung anwesend war, mischte nachstehendes bei: „Ihr habt mit euren Kopftüchern in Deutschland keine großen Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Spricht doch mit euren Eltern, ob ihr das Kopftuch doch nicht abnehmen könnt.“

„Das hat mit unseren Eltern gar nichts zu tun. Ich trage das Kopftuch freiwillig“, stellte die sichtlich erregte 15-jährige klar.

„Überlege es dir noch einmal, ob es doch nicht ohne Kopftuch geht“, so die Klassenlehrerin, daraufhin sagte Funda: „Ich trage seit drei Jahren nicht umsonst das Kopftuch. Ich habe auch meine eigenen Ziele, die ich so ausleben möchte, wie ich sie für richtig halte! Außerdem will ich ohnehin keine Kauffrau in der Galeria Kaufhof werden, weil ich eine Anwältin werden will. Wer will da schon arbeiten!“

Funda ist nicht die einzige, die sich getriezt und gedemütigt von den Vorwürfen und Vorurteilen ihrer Lehrer fühlt. Die meisten muslimischen Schülerinnen müssen sich aufgrund ihres religiösen Bekenntnisses gegen Schikanen und Anschuldigungen wehren. Zudem stellt man ihre Zukunft wegen ihrer Kopfbedeckung trostlos und aussichtslos dar. Da scheint es kein Wunder zu sein, dass muslimische Mädchen demotiviert und hoffnungslos in die Zukunft blicken. Trotzige Schüler wie Funda jedoch sind bemüht ihren Lehrern das Gegenteil zu beweisen, in der Hoffnung, dass ihre Lehrer einst zur Einsicht gelangen und ihre muslimischen Schülerinnen als halbwegs mündige Personen ansehen.

Funda hofft, dass sie gegenstandslosen Bemitleidungen wie „Ich kann das nicht mehr mit ansehen, wie ihr im Sportunterricht unter dem Kopftuch schwitzt“ oder „Wieso machst du das repressive Kopftuch dran? Du siehst doch ohne Kopftuch viel schöner aus!“ in der Schule nicht mehr begegnen wird.

„Die machen uns richtige Komplexe. Ich verstehe das nicht, die lassen uns nicht in Ruhe“, beklagt ein anderes muslimisches Mädchen. „Die haben was gegen uns!“, ist das Fazit der Repressalien dieser Schülerin.

„Nur weil wir Muslime sind, werden wir enorm benachteiligt. Ich traue mich nicht das Kopftuch zu tragen, weil ich befürchte, dass sich das nachteilig auf meine Noten und auf das Verhältnis zu meinen Lehrern negativ auswirkt“, beklagt dieses Mädchen.

Fälle wie diese sind es, die Distanz und Spannung zwischen Lehrern und Schülern erzeugen. Die noch minderjährigen Musliminnen versuchen auf der einen Seite sich bei ihren Lehrern zu rechtfertigen und gegen ihre Anschuldigungen anzutreten, wobei sie auf der anderen Seite um ihre Schulnoten fürchten.

Denn sie sind sich im Klaren, dass Gespräche dieses Ausmaßes schnell für Voreingenommenheit sorgen und bei der Vergabe der Noten Nachteile mit sich bringen können.

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