19.09.2007 Nachrichten>Kommentare
Das Bremer Verständnis von Parallelgesellschaften
Verfassungsschutz Bremen: Dialog mit anderen
Religionen und Orientierungskurse für Schule und Beruf fördern Parallelgesellschaften
- Ein Kommentar von Ekrem Senol
Am
vergangenen Freitag wurde vom Bremer Innensenator Willi Lemke verkündet,
dass die größte Gefahr von Nazis ausgehe. Üblicherweise geht
bei den Verfassungsschutzämtern des Bundes und der Länder die größte
Gefahr, obwohl kriminalstatistisch das Gegenteil der Fall, vom "islamischen"
Terrorismus aus. Jedenfalls sei die Zahl rechtsextremistischer Straftaten in
Bremen im vergangenen Jahr gestiegen. Die Sicherheitsbehörden hätten
138 (121 im Jahr zuvor) derartige Delikte registriert.
Innensenator Willi Lemke sei allerdings besorgt darüber, dass im Sommer 20.183 Kinder die Sommerschule der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs besucht hätten. Dies sei eine „Organisation, die nach Feststellungen des Verfassungsschutzes gezielt an der Schaffung einer Parallelgesellschaft arbeitet.“
Die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs versuche das Ziel „Parallelgesellschaft" damit zu erreichen, erläutert Lemke, indem sie neben religiöser Bildung und Erziehung auch den Dialog mit anderen Religionen fördere. Des Weiteren gehörten Orientierungs-Unterricht für Schule und Beruf zum Programm der Sommerschule. Tatsächlich ginge es Milli Görüs darum, das Gefühl zu stärken, „Teil der einzigartigen Gemeinschaft aller Muslime zu sein und sich damit gleichzeitig von der 'westlichen Welt' abzugrenzen.“
Willi Lemke, der sicher vielen als Aufsichtsratsvorsitzender von SV Werder Bremen sympathisch war, hätte doch lieber beim Fußball bleiben sollen. Mit solchen Argumenten wird er Parallelgesellschaften nicht verhindern, allenfalls fördern. Denn er schürt mit seinen Szenarien Angst bei der Mehrheitsgesellschaft und Resignation bei Muslimen. Mit solchen Argumenten grenzt Herr Lenke mehr aus, als dass er Menschen motiviert und zusammenführt.
Man braucht nicht viel Phantasie, um sich in die ehrenamtlichen Helfer in den Sommerschulen hineinzuversetzen, die meinen, mit Dialog, Schul- und Berufsunterricht ihren Teil für das Gemeinwohl beizutragen. Sicher glauben sie, wenn sie Kindern wichtige Informationen für eine erfolgreiche Zukunft mitgeben, etwas Gutes zu tun. Auch Eltern, die ihre Kinder in Sommerschulen schicken, damit sie etwas dazu lernen, werden sicherlich nicht schlecht staunen, wenn Sie dafür öffentlich diffamiert werden.
Schließlich, da dürfen sich Eltern, Kinder, Lehrer und alle sonstigen Beteiligten einig darüber sein, gibt es die Sommerschulen der Islamischen Gemeinschaft seit vielen, vielen Jahren. Würden dort, wie behauptet, Parallelgesellschaften gefördert oder Kinder von der westlichen Welt abgegrenzt, so hätten die Landesämter sicher etwas unternommen, um dem ganzen einen Riegel vorzuschieben. Die unbegründete und unsachliche öffentliche Ausgrenzung jedoch ist nicht nur feige und verlogen, sie entspricht auch nicht dem Geiste eines demokratischen Rechtsstaates.
Unterm Strich – so ist es leider oft – wird das Gefühl bleiben, öffentlich angeprangert zu werden, weil man Muslim ist. Jedenfalls würde eine christliche Sommerschule kein Eintrag im Verfassungsschutzbericht finden, weil sie neben der selbstverständlichen religiösen Bildung und Erziehung auch den Dialog mit anderen Religionen fördert und des weiteren Orientierungs-Unterricht für Schule und Beruf anbietet. Nein, sie würde wahrscheinlich mit Landesmitteln gefördert und von höchster Stelle öffentlich gelobt werden.