Mittwoch 30. September 2009
Islamische Glaubenspraxis ist kein Integrationshindernis

Muslimische Jugendliche in Deutschland müssen nach Einschätzung der Soziologin Dr. Christel Gärtner ihre Religionspraxis wie das Ramadan-Fasten nicht aufgeben, um als gesellschaftlich integriert zu gelten. Eine vollständige Anpassung der zweiten und dritten Einwanderergeneration an die deutsche Kultur sei dabei nicht erforderlich, sagte die Wissenschaftlerin in Münster. Integrationshemmend sei vielmehr, dass Muslime nach wie vor oft nicht als Einheimische, sondern als Fremde behandelt werden; bedauerlicherweise spiele das Aussehen dabei eine größere Rolle als die deutsche Staatsangehörigkeit.
Dass sich muslimische Jugendliche in Deutschland bewusst zum Islam hinwenden, sieht die Wissenschaftlerin als selbstverständlich an, denn die Religion sei Bestandteil ihrer Herkunftskultur. Die Teenager übernehmen nach ihrer Einschätzung mit dem islamischen Glauben zwar ein Stück der Herkunftskultur ihrer Familien. Ihre Religionspraxis entspreche jedoch nur noch teilweise der der Eltern. Die Jugendlichen passten sie der eigenen Situation an und lebten einen neuen, stärker reflektierten Islam, erläuterte Gärtner. So stellten etwa die religiöse Bindung und die Ausübung eines modernen Berufes für junge Frauen keinen Widerspruch dar. Die deutschen Altersgenossen akzeptieren diese Frömmigkeit nach den Worten der Wissenschaftlerin. Auch wenn sie selbst oft nicht kirchlich gebunden seien, seien sie tolerant gegenüber dem Bekenntnis ihrer muslimischen Altersgenossen. Zahlreiche Kontakte in Schule und Freizeit hätten beide Seiten miteinander vertraut gemacht. Das komme der Integration zu Gute, so die Soziologin.
Studie: Welche Bedeutung besitzt Religion für die Integration der muslimischen Jugendlichen
Gärtner untersucht am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Westfälischen-Wilhelms Universität Münster (WWU) derzeit, ob und inwiefern Religionen Integrationsprozesse beeinflussen. Für ihr Forschungsprojekt befragt die Wissenschaftlerin in der nächsten Zeit Jugendliche in verschiedenen Regionen Deutschlands. In Einzelgesprächen und Gruppeninterviews will sie der Frage nachgehen, wie die jungen Menschen miteinander leben, ob in der jungen Generation Integrationshindernisse seitens der Aufnahmegesellschaft abgebaut werden und welche Bedeutung Religion dabei für die Integration der muslimischen Jugendlichen besitzt. Ein Vergleich der Ergebnisse soll zeigen, wie weit die Integration inzwischen fortgeschritten ist. Das Projekt trägt den Titel „Transformation normativer Ordnungen durch Generationenbildung. Die Formation der gegenwärtigen Jugendgeneration in Deutschland - ostdeutsche, westdeutsche und Jugendliche muslimischer Herkunft im Vergleich.“ (sa)
Mittwoch 30. September 2009
Muslimisches Seelsorgetelefon stößt auf große Nachfrage

Das erste muslimische Seelsorgetelefon mit Sitz in Berlin ist bereits seit Mai im Einsatz und trifft seitdem auf große Nachfrage. Ehrenamtliche muslimische Seelsorger verschiedener Nationalitäten beraten und bieten seelische Unterstützung bei kulturspezifischen Problemen.
Seelsorger fühlen sich bei Anrufern aus anderen Kulturkreisen häufig überfordert. Dies machte den Bedarf an einem muslimischen Seelsorgetelefon deutlich. Auf einer Tagung kam der Leiter der Kirchlichen Telefonseelsorge in Berlin, Uwe Müller, mit der Hilfsorganisation „Islamic Relief“ in Kontakt und die Idee für die erste muslimische Seelsorge entstand. „Islamic Relief“ übernahm gemeinsam mit Diakonie und Caritas die Trägerschaft.
Ausgebildet wurden die ehrenamtlichen Mitarbeiter von erfahrenen Seelsorgern der Kirchlichen Telefonseelsorge und Imamen. Der Geschäftsführer Imran Sagir erklärt: „Wir sind weder ein religiöses Angebot noch ein Migrantentelefon. Wir bieten einen muslimischen Bezugsrahmen.“ Ihr Anliegen sei es, die Sorgen der Menschen anzuhören und zusammen mit ihnen nach Auswegen aus der Krise zu suchen. Grundlegende Kenntnisse über den Islam und die Kultur der muslimischen Menschen in Deutschland seien hilfreich bei den Beratungsgesprächen. Auch Nichtmuslime könnten von der Seelsorge Gebrauch machen, fügt Sagir hinzu.
Bisher hätten insgesamt 440 Menschen das kostenfreie muslimische Seelsorgetelefon schon genutzt, so Sagir. Es ginge meist um zwischenmenschliche Beziehung, sagt einer der 22 ehrenamtlichen Mitarbeiter. Für das Muslimische SeelsorgeTelefon (MuTeS) wird mit dem Slogan "Ein Notruf für die Seele - Ein Gespräch kann Welten öffnen" auf Flyern und Plakaten in Moscheen, über Rundmails sowie im Internet geworben. Die Rufnummer ist zwar zurzeit täglich von 16 bis 24 Uhr zu erreichen, eine 24-stündige Bereitschaft sei jedoch in Planung. „Außerdem wollen wir an zwei Tagen die sonst auf deutsch geführten Gespräche auch auf türkisch, an einem Tag auf arabisch anbieten.“, kündigt Sagir an.
Das muslimische Seelsorgetelefon ist täglich von 16 bis 24 Uhr unter der kostenfreien Telefonnummer 030-443509821 erreichbar.
Dienstag 22. September 2009
Islam-Archiv würdigt Kölner Oberbürgermeister mit Friedenspreis
Das
Zentralinstitut Islam-Archiv-Deutschland vergibt den diesjährigen Mohammad-Nafi-Tschelebi-Friedenspreis
an den Kölner Oberbürgermeister Fritz Schramma. Mit der undotierten
Auszeichnung werde sein Beitrag zur Integration von Muslimen in Köln gewürdigt,
verkündete das Institut am Donnerstag in Soest.
Fritz Schramma sei es „gegen den Widerstand extremer Gruppierungen gelungen, den Ruf der Rheinmetropole Köln als weltoffene Stadt zu festigen, in der Menschen unterschiedlicher Ethnien und Kulturen, Religionen und Weltanschauungen friedlich miteinander leben und entfalten können“, so ein Sprecher der Amina Abdullah Stiftung. Insbesondere Schrammas Einsatz für den Bau der umstrittenen Moschee in Köln-Ehrenfeld sei einer Auszeichnung wert.
Schramma zeigte sich erfreut über den Friedenspreis und sagte: „Integration und die Verständigung zwischen den Religionen sind mir stets ein besonders wichtiges Anliegen gewesen. Ich freue mich sehr, dass unser gemeinsames Engagement für ein friedliches Miteinander so große Wertschätzung erfährt.“
Der Preis, den das Institut jährlich an Menschen vergibt, die sich für den interreligiösen Dialog und Völkerverständigung einsetzen, wird dem Oberbürgermeister am 1. November in der Moschee zu Werl übergeben. Benannt ist der Friedenspreis nach dem Syrer Muhammad Nafi Tschelebi, der das Zentralinstitut 1927 in Berlin gründete. (fy)
Samstag 19. September 2009
Grußbotschaft des Bundespräsidenten zum Ramadanfest

Bundespräsident Horst Köhler beglückwünschte
Muslimen zum Ramadanfest.
Bundespräsident Köhler sagte in seiner Grußbotschaft: „Das Ramadanfest ist für Sie einer der Höhepunkte im Jahr. Die Familie kommt zusammen, isst und feiert, erzählt von Erfahrungen und Erlebnissen. Schon zum Iftar während des Ramadan haben viele Muslime auch ihre nichtmuslimischen Nachbarn, Freunde und Bekannte eingeladen. Es ist ein ermutigendes Zeichen, dass der Glaube so über die Grenzen hinweg Freundschaften und Verbindungen entstehen lässt, die tragen und weiterbringen. Das gemeinsame Feiern ist eine gute Gelegenheit, einander noch besser kennen zu lernen und Unsicherheiten und Fremdes zu überwinden. Je mehr wir voneinander erfahren, umso mehr können wir auch voneinander lernen. Dazu braucht es Offenheit, Mut und Vertrauen.
Die Muslime in Deutschland sind ein selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft geworden. Die Islamkonferenz hat gezeigt, dass es möglich ist, offen und zielgerichtet an einem Tisch miteinander zu diskutieren, Probleme zu besprechen und Weichen zu stellen für die Zukunft. Ich denke: Wir sind auf einem guten Weg. Deshalb möchte ich Sie ermutigen, an diesem Weg der Verständigung und des vertrauensvollen Austausches weiter mitzuwirken. So können wir auch helfen, dass islam- und ausländerfeindliche Tendenzen in unserem Land keine Chance haben und niemand das friedliche, gute Miteinander mit Hassparolen gefährdet.
Wir brauchen den Dialog unter verlässlichen Partnern. Wir wollen einstehen für ein gutes Miteinander, für Integration und für Verständigung. Wir suchen die Begegnung und wollen so dem Fremden zum Freund werden. So wünsche ich Ihnen allen, die Sie das Fest des Fastenbrechens begehen, frohe Stunden Gesundheit und Glück."
Dienstag 15. September 2009
Forum Deutscher Katholiken: „Muslime sind unsere natürlichen Verbündeten“

Am Samstag fand in der Stadthalle Aschaffenburg der Kongress „Freude am Glauben“ statt, das vom „Forum Deutscher Katholiken“ veranstaltet wurde. Die Mitglieder beider Religionen müssten sich gemeinsam den „zahlreichen Herausforderungen stellen, die eine gottferne Zeit uns aufgibt“, heißt es in der mit wenigen Gegenstimmen verabschiedeten Resolution.
Nicht die Stärke des Islams sei die gefährlichste Bedrohung Europas, sondern die „systematische Verdrängung des christlichen Glaubens aus der Politik und dem öffentlichen Leben, die zu einer geistigen Immunschwäche Europas führt“. Im Kampf gegen die „Kultur des Todes“, gemeint sind vor allem die internationale Geburtenkontrolle, Abtreibung und Gender-Ideologie, „sind die Muslime unsere natürlichen Verbündeten“, heißt es in dem Beschluss.
Das Forum sprach sich ferner für das Recht der freien Religionsausübung der Muslime in Deutschland aus. Der sich ausbreitende Islam in Westeuropa sei für Christen hierzulande eine „positive Provokation“, um „uns auf unsere Ursprünge und unseren eigenen Glauben zu besinnen“, so die Kongressteilnehmer. Insofern sprach sich der Kongress auch gegen die Islamfeindlichkeit aus; Ängste dürften nicht geschürt werden. Es brauche die Bereitschaft zum gegenseitigen Verständnis, ohne „alle Verschiedenheiten für unwesentlich zu erklären und alle Unterschiede zu verharmlosen.“ Muslime müssten es aber auch ertragen, dass sie selber kritisch hinterfragt würden, „wie ja auch sie das Christentum und die westliche Liberalität kritisieren dürfen“. Gleichzeitig gelte es, die Religionsfreiheit für Christen in muslimischen Ländern einzufordern.
Das Forum Deutscher Katholiken fordert einen aufrichtigen und offenen Dialog mit Muslimen: „Anstelle eines medienwirksam inszenierten Dialogs müssen wir in ein Gespräch auf menschlicher Ebene eintreten. Für jeden wahrhaftigen Dialog ist der Respekt der Gesprächspartner voreinander und eine recht verstandene Toleranz eine unbedingte Voraussetzung.“ Christen und Muslime müssten Bereitschaft zum gegenseitigen Verständnis aufbringen. Ein daraus erwachsender Dialog mit den Muslimen sei ein Instrument, „das uns helfen kann, aus der endlosen Spirale der Spannungen herauszukommen.“ (sa)
Montag 14. September 2009
Interkultureller Rat: Muslimisches Leben gehört zur Normalität in
Deutschland
Laut
dem Interkulturellen Rat in Deutschland ist Islamfeindlichkeit gegenwärtig
die am meisten verbreitete Form des Rassismus. Der Politologe Torsten Jäger,
Geschäftsführer des Interkulturellen Rats und Leiter des Clearing
Projekts „Zusammenleben mit Muslimen“ plädiert für eine
Sensibilisierung auf beiden Seiten. Die Gesellschaft müsse sich daran gewöhnen,
dass muslimisches Leben in Deutschland zur Normalität gehöre. Um der
Islamfeindlichkeit entgegen zu wirken brachte der Interkulturelle Rat das Buch
„Antimuslimischer Rassismus: Konflikte als Chance“ heraus.
Im Rahmen des Clearing Projekts vermittelt Torsten Jäger zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Im Interview mit taz.de erklärte Jäger, dass es bei den monatlich 100 Anfragen es um Moscheebauten, Teilnahme am Schwimmunterricht und Kopftuch an Schulen ginge. Bei dem Konflikt Schwimmunterricht versuche er zunächst mit der Schule zu klären, ob getrennter Schwimmunterricht zu realisieren ist. Auf die Frage wie er reagiere, wenn sich die Schule sich gegen getrennten Schwimmunterricht entscheidet, antwortete der Politologe: „Dann verweisen wir zum Beispiel auf das Bundesverwaltungsgericht, das bereits 1993 die Schulen verpflichtet hat, alle zumutbaren Möglichkeiten auszuschöpfen, ab der Pubertät einen getrennten Sportunterricht einzurichten. Wenn es trotzdem keine Einigung gibt, können wir nur die Meinungsunterschiede festhalten und dokumentieren, wir haben ja keine juristische Handhabung.“
Entgegen der Darstellung in den Medien und der Öffentlichkeit handele es sich bei dem Konflikt zwischen Eltern muslimischer Schülerinnen und den Schulen um die Teilnahme am Schwimmunterricht um Einzelfälle. Auch wenn der Vermittlungsversuch nicht immer erfolgreich sei, so führe er zumindest zu einer Sensibilisierung für die Thematik.
Die Sensibilisierung sehe das Clearing Projekt als die Hauptaufgabe. „Die Gesellschaft muss sich daran gewöhnen, dass es eine gewisse Normalität muslimischen Lebens in Deutschland gibt. Dazu gehören auch Frauen, die Kopftücher tragen, auch in Schulen, Universitäten oder Gerichtssälen. Das ist auch ein Thema, mit dem wir häufig befasst sind.“, so Torsten Jäger.
Auf den Einwurf der Interviewerin, dass viele darin eine schleichende Islamisierung sehen, entgegnete er: „Das ist aber nicht der Fall. Es ist ein Zeichen dafür, dass ein Teil der vier Millionen Muslime, die in Deutschland leben, sich auch in gesellschaftliche Bereiche vorgearbeitet haben, aus denen sie lange Jahre ausgegrenzt waren.“
Antimuslimischer Rassismus
Um der seit dem 11. September 2001 steigenden Islamfeindlichkeit entgegen zu wirken hat der Interkulturelle Rat in Deutschland die Aufsatzsammlung "Antimuslimischer Rassismus: Konflikte als Chance" herausgegeben. Das Buch, das vergangenen Donnerstag vorgestellt wurde, beinhaltet Aufsätze von Persönlichkeiten aus unterschiedlichen Lebensbereichen, die der Frage nachgehen was gegen Islamfeindlichkeit unternommen werden kann. Antimuslimischer Rassismus zeige sich in Form von Demonstrationen gegen den Bau von Moscheen, in antimuslimischen Blogs im Internet und in Erfolgen islamfeindlicher Initiativen bei Kommunalwahlen. Der Tod der muslimischen Ägypterin Marwa al-Sherbini in einem deutschen Gerichtssaal zeigte wozu Islamfeindlichkeit führen kann. Der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman A. Mazyek, der Staatssekretär des Innenministeriums, Peter Altmaier, die Islamwissenschaftlerin Kathrin Klausing und der Geschäftsführer des Interkulturellen Rates, Torsten Jäger, beteiligten sich mit einem Beitrag an der Entstehung der Aufsatzsammlung, dessen Herausgeber Jürgen Micksch ist. (fy)
Dienstag 08. September 2009
Schäuble: Verschiedenheit ist keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung

In einem Interview mit Welt Online sprach Schäuble über die Folgen der Zuwanderung und die Integrationspolitik der CDU. Die Sprachanforderungen beim Ehegattennachzug, eine Neuregelung die immer noch umstritten ist, begründete der Innenminister erneut damit, dass zugewanderte Ehepartner ohne Sprachkenntnisse die Integration verzögern würden.
„Ein erheblicher Teil der hier lebenden Türken heiratet, auch nach in Deutschland durchlaufener Schulzeit, jemanden aus dem Heimatland, oft von einem Dorf, der wieder kein Wort Deutsch spricht. So haben wir immer wieder eine „erste Generation“, die Integration wird nicht leichter mit den Jahren, sondern schwerer. Deshalb haben wir gefordert, dass ein Minimum an Sprachkenntnissen vorliegen muss.“, so Schäuble. Auch die Integrations- und Sprachkurse seien ein wichtiger Schritt und integrationsfördernd. „Je besser die Integration gelingt, desto weniger Fremdenfeindlichkeit gibt es. Bei der Europawahl im Juni haben ausländerfeindliche Parteien nirgendwo so wenig Stimmen bekommen wie bei uns. Wir haben das ganz gut hingekriegt. Es ist ein schwieriges, wichtiges und sensibles Thema.“
Älteren Menschen, die sich in Stadtteilen mit hohem Migrantenanteil über das sich verändernde Stadtbild beklagen und Migranten mit Vorbehalten begegnen, müsse das Gefühl der Überfremdung genommen werden. Ihnen müsse nahegelegt werden Verschiedenheit nicht als eine Bedrohung sondern als eine Bereicherung anzusehen. Ferner müsse die kommunale Selbstverwaltung gestärkt werden um Stadtteile mit hohem Ausländeranteil künftig zu verringern.
Des Weiteren zeigte Schäuble im Interview den Migranten Grenzen auf: „Man muss auch den Migranten sagen: Wenn ihr hier heimisch werden wollt, müsst ihr beispielsweise die Gleichberechtigung von Mann und Frau akzeptieren. Wem es nun gar nicht gefällt, dass seine Tochter so aufwächst, wie Frauen hier in Europa aufwachsen, der muss sich fragen, ob er in einem modernen, europäischen Land zu Hause sein will. Aber um auf Ihr Beispiel zurückzukommen, da können wir auch ein bisschen großzügig sein. Früher mussten alle Badekappen tragen, heute nicht mehr.“
Abschließend informierte Schäuble über den
Beschluss der Islamkonferenz, Handlungsempfehlungen an die Lehrer, deren Schülerinnen
sich vom Schwimmunterricht und der Klassenfahrt befreien wollen zu verteilen
und sagte: „Man muss sich nicht aufregen, wenn jemand mit dem Kopftuch
herumläuft. Aber auch auf der anderen Seite muss man zurückhaltend
sein mit Zeichen der Abgrenzung.“ (fy)
Montag 07. September 2009
OECD rügt deutsche Familien- und Kinderpolitik

Deutschland zählt unter den OECD-Ländern bei der Verwirklichung gleichwertiger Lebensverhältnisse und Chancengleichheit für Kinder zu den Schlusslichtern. Neben hoher Kinderarmut fallen auch die Bildungsunterschiede hierzulande größer aus als anderswo. Das geht aus dem ersten Kinderbericht, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Dienstag in Berlin vorstellte, hervor.
Deutschland investiere zwar viel für seine Kinder. Etwa 40 Prozent der öffentlichen Mittel für Kinder werden hierzulande unmittelbar an die Eltern gezahlt. Dennoch lebt aber fast jedes sechste Kind in Deutschland in Armut. Im OECD-Durchschnitt ist es nur jedes achte Kind. Insbesondere Kinder, die nur mit einem Elternteil leben, sind der Studie zufolge von Armut betroffen. So liegt die Armutsrate unter Alleinerziehenden in Deutschland bei 40 Prozent, im OECD-Schnitt sind es 30 Prozent. Die OECD rät den Regierungen deshalb Maßnahmen und Programme zur Förderung des Wohlergehens von Kindern kontinuierlich zu testen, diese genau zu evaluieren, um herauszufinden, ob sie wirkungsvoll sind, und eine Umverteilung der Fördermittel von ineffizienten hin zu effizienten Programmen vorzunehmen. Dieser evidenzbasierte Ansatz stelle sicher, dass mit dem für Kinder bereitgestellten Mitteln nach und nach eine Verbesserung ihres Wohlergehens erzielt wird.
Auch bei der Bildung hat Deutschland Nachholbedarf. Beim Lesen, bei Mathematik und Naturwissenschaften ist der Abstand zwischen den besten 10 und den schlechtesten 10 Prozent der Schüler nur in Ländern wie Mexiko, Italien und Tschechien größer. Wo sich die Indikatoren geschlechtsspezifisch und nach Migrationsstatus aufschlüsseln lassen, sind die Ergebnisse bei den Jungen in der Regel schlechter als bei den Mädchen und weisen Kinder mit Migrationshintergrund ungünstigere Ergebnisse auf als Kinder ohne Migrationshintergrund.
„Deutschland sollte seine Transfers stärker auf bedürftige Kinder und deren Familien konzentrieren“, erklärte Monika Queisser, Leiterin der OECD-Abteilung Sozialpolitik. Außerdem mahnte sie den Ausbau von Dienstleistungen wie Kinderbetreuung und Ganztagsschulen an. „Deutschland sollte mehr für frühkindliche Entwicklung ausgeben. Das lohnt sich“, so Queisser. Staatliche Hilfen könnten unter dessen auch an konkretes Verhalten zur Förderung der Kinder geknüpft werden. So etwa in Ungarn, wo Mütter einen Bonus bekommen, wenn sie viermal einen Arztbesuch nachweisen. Die Länder müssen den Lebensbedingungen der Kinder um ihrer Wirtschaft und ihres gesellschaftlichen Wohlergehens willen mehr Aufmerksamkeit widmen, heißt es in dem Bericht abschließend. (sa)
Freitag 04. September 2009
Das Werben um Migranten in der Politik
CDU-Generalsekretär
Ronald Pofalla lud am vergangenen Dienstag über 120 Migranten nach Berlin
ein. Gleich zu Beginn wurden „herzliche Grüße“ auch von
der Kanzlerin überbracht, von Gemeinsamkeiten gesprochen und im weiteren
Verlauf gebeten, die Bundestagswahl am 27. September nicht zu vergessen. SPD-Vorsitzende
Franz Müntefering hingegen schmust schon länger mit den türkischstämmigen
Wählern. Nicht selten stattet er den Redaktionen der türkischsprachigen
Zeitungen einen Besuch ab oder ist bei besonderen Anlässen türkischer
Verbände anwesend.
Leser türkischer Tageszeitungen wussten es schon immer; Wähler, die der türkischen Sprache nicht mächtig sind, ahnten es allenfalls: Die großen Volksparteien buhlen um die Stimmen der Migranten wie nie zuvor. Schließlich leben in Deutschland acht Millionen Wähler mit Migrationshintergrund; 700.000 von ihnen türkischstämmig. Ein Wählerpotenzial, das ständig steigt und den die Parteien nicht mehr ignorieren können.
CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla räumte am Dienstag ein, dass die CDU "noch Nachholbedarf" hat. "Meine Partei hat hier allemal noch Nachholbedarf", erklärte auch die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel im vergangenen Jahr bei einem Treffen des Integrationsgipfels. Migranten haben bisher eine Präferenz für die SPD. Einer Umfrage des Berliner Meinungsforschungsinstitut Data 4U würden türkischstämmige Wähler mit einer absoluten Mehrheit von 55,5% der Stimmen die SPD wählen, die Grünen kämen auf 23,3%. Die beiden Unionsparteien CDU/CSU erhielten lediglich 10,1% der Stimmen, die Linke bekäme 9,4%. Öffnet externen Link in neuem FensterEine Umfrage unter Muslimen hatte sogar ergeben, dass CDU, FDP und Linke schon an der an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern; die SPD kommt auf 35,5 Prozent, die Grünen auf 18 Prozent. Bei der Bundestagswahl 2005 haben 65 Prozent der rund 500.000 türkischstämmigen Wahlberechtigten SPD gewählt. Dem Willy-Brandt-Haus liegen Umfragen vor, demzufolge sich dieser Anteil aktuell auf 73 Prozent erhöht hat, die Grünen können immerhin mit deutlich über 20 Prozent der Stimmen rechnen.
„CDU fühlt sich beim Umgang mit Migranten nicht authentisch an“
Grund für das schlechte Abschneiden der CDU sei unter anderem, dass sie sich bis heute beim Umgang mit Migranten „nicht authentisch“ anfühle, sagte ein CDU-Funktionär mit Migrationshintergund der Süddeutschen Zeitung. Man werde vier Wochen vor der Wahl eingeladen, um auch die türkischen Stimmen noch mitzunehmen. Künftig müssten mehr Migranten in den ersten Reihen stehen - wie bei den Frauen brauchte man auch für sie eine „positive Diskriminierung“. Eine türkischstämmige Stadtverordnete aus Essen bestätigte diese Wahrnehmung und rief die CDU-Spitze auf, die Beteiligung von Migranten auch durch prominente Vertreter an der Parteispitze nach außen zu demonstrieren. Erst dann könne man glaubhaft behaupten, dass es der Union ernst sei mit der Integration von Migranten. Die Zeit türkischstämmiger Politiker in der Union sei jedoch noch nicht gekommen, meint Bülent Arslan, der das Deutsch-Türkische Forum der CDU leitet: „Es gibt bei den Bundestagswahlen keinen aussichtsreichen Unionskandidaten, der aus einer Einwandererfamilie kommt.“ „Wir sind weit davon entfernt, dass Migranten in der Politik normal sind“, sagt Grünen-Chef Cem Özdemir und meint damit nicht nur die CDU.
Auch inhaltlich hat die SPD einen klaren Vorsprung: Sei es die doppelte Staatsbürgerschaft, der EU-Beitritt der Türkei oder das kommunale Wahlrecht; die SPD punktet, während die CDU nicht mithalten kann. Das Einzige, was den Christdemokraten verbleibt, setzt man aber vorzüglich ein. Man Kratzt an der Glaubwürdigkeit der SPD.
So musste die SPD noch vor wenigen Wochen im Bundestag – entgegen anderslautenden Verlautbarungen – gemeinsam mit der Union sowohl gegen das kommunale Wahlrecht als auch gegen die Abschaffung der Optionsregelung im Staatsangehörigkeitsrecht stimmen, weil der Koalitionsvertrag Einigkeit vorschreibt. So schmetterte die Union die Anträge der Grünen und der Linkspartei ab und sorgte gleichzeitig für negative SPD-Schlagzeilen in türkischen Tageszeitungen.
„Die Migranten müssen Deutschland lieben, aber Deutschland muss auch die Migranten lieben.“
Die heftigen Grabenkämpfe der Parteien, die man täglich in der Süddeutschen, Frankfurter Rundschau, FAZ oder im Tagesspiegel ließt, spielt sich nicht minderwertig auch in der Hürriyet, Sabah, Milliyet, Zaman und Türkiye ab – mit anderen Kernthemen und fernab von den Stammwählern. Das Werben um Migranten kann Stammwähler abschrecken, heiße es unisono bei SPD und CDU/CSU, hinter vorgehaltener Hand, schreibt etwa Ferda Ataman im Tagesspiegel.
Gemeinsamkeiten der CDU mit Türken oder die Öffnung der C-Partei für Muslime auf der einen, das tägliche Integrations-ABC der SPD auf der anderen Seite, sollen möglichst die mitbekommen, die sich davon geschmeichelt fühlen. Der einheimische Wähler könnte Bauchschmerzen bekommen, wenn Politiker aller Couleur in Moscheen, beim Fastenbrechen oder mit Dönermesser in der Hand am Dönerstand abgelichtet werden. Journalisten türkischer Medien werden zu solchen Anlässen gerne eingeladen, die der Deutschen lieber nicht.
Mit der strikten Trennung von Themen und Präsenz in deutschen und türkischen Medien gelingt das bisweilen sehr gut. Die Tatsache, dass Türken eher türkische Medien konsumieren, wird vorzüglich als Werkzeug eingesetzt, wenn es darum geht, die „richtige Zielgruppe“ anzusprechen. Eine pro-türkische Schlagzeile in türkischen Tageszeitungen oder ein Auftritt in einem der türkischen Sender wird eben nur in der sogenannten Parallelgesellschaft wahrgenommen. In den einheimischen Medien hingegen zeigt man sich besorgt, wenn Studien belegen, dass Türken türkische Medien konsumieren. Dabei wäre es besser, „wenn die Parteien ihre Öffnung stärker in der deutschen Öffentlichkeit darstellen würden“, moniert Bülent Arslan und fordert er ein neues Wir-Gefühl: „Die Migranten müssen Deutschland lieben, aber Deutschland muss auch die Migranten lieben.“ (sa)
Donnerstag 03. September 2009
Gesundheitsprobleme von Kindern mit Migrationshintergrund
Die
105. Jahrestagung der deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin
(DGKJ) vom 3. bis 6. September in Mannheim befasst sich mit Krankheiten und
Problemen von Kindern mit Migrationshintergrund. "Der diesjährige
Kongress soll erneut ein Forum für den Wissensaustausch von Spezialisten
aller Bereiche der deutschen Kinder- und Jugendmedizin bieten", erklärt
Prof. Dr. med. Dr. h. c. Hansjosef Böhles, Direktor am Zentrum für
Kinder- und Jugendmedizin des Klinikums der J. W. Goethe-Universität Frankfurt.
Themenschwerpunkt bildet dieses Jahr unter anderem die "Migrantenmedizin". Tagungspräsident Prof. Böhles weist auf die politische Brisanz des Begriffs, aber auch auf die wissenschaftliche Notwendigkeit hin: "Ausländische Kinder haben tatsächlich andere Gesundheitsprobleme als ihre deutschen Altersgenossen. Wir werden seit einigen Jahren mit Erkrankungen konfrontiert, die in Deutschland bislang überaus selten waren und deren Diagnose - aufgrund des seltenen Auftretens - Probleme bereiten, wenn Kinder- und Jugendärzte nicht über die speziellen Gesundheitsprobleme einzelner Migranten-Gruppen Bescheid wissen."
So gebe es besondere angeborene Stoffwechselerkrankungen, die vorwiegend bei Kindern aus der Türkei, aus dem Nahen und Fernen Osten sowie aus Marokko auftreten. Laut Böhles liegt das unter anderem an den Ehen zwischen Verwandten, in diesen Regionen häufiger geschlossen würde. Auch Tuberkulose sei bei unter 5-Jährigen mit Migrationshintergrund fast achtmal so häufig wie bei deutschen Kleinkindern. Neben typischen Erkrankungen seien bei Zuwandererkindern auch besondere Mangelerscheinungen zu bemerken: So gebe es eine spezielle Form der Unterversorgung mit Calcium, die sich über Knochenschmerzen bemerkbar macht und hauptsächlich bei peripubertären Mädchen aus Pakistan oder Afghanistan auftritt. In Fachkreisen wird diese Mangelerscheinung als "Migranten-Rachitis" bezeichnet.
Diese medizinischen Aspekte seien von dem kulturellen, sozialen und religiösen Kontext des Kindes nicht zu lösen: "Es sind nicht nur sprachliche Schwierigkeiten, die wir lösen müssen, sondern auch Probleme im Umgang. Beispielsweise lassen wir die körperliche Untersuchung eines Patienten mit erkennbar hoher Schamschwelle, wenn irgend möglich, durch einen gleichgeschlechtlichen Arzt vornehmen. Die Tabuisierung von Nacktheit und Berührung beginnt aber schon sehr früh, häufig bereits im Kleinkindalter." Die Kenntnis um die kulturellen Besonderheiten und ihre Berücksichtigung bei der Behandlung habe entscheidenden Einfluss auf den Verlauf einer Therapie, sagt Böhles, wobei eine mangelnde Therapietreue aber auch an der Überzeugung liegen könne, die Krankheit sei schicksalhaft und daher anzunehmen.
Die kulturelle Kompetenz des Kinder- und Jugendarztes ist
in einem solchen Fall extrem gefordert. "'Migrantenmedizin', 'Transkulturelle
Pädiatrie' oder 'Transkulturalität in der Pädiatrie' - der gesamte
Themenkomplex muss Eingang finden in die fachliche Qualifizierung der Kinder-
und Jugendärzte, damit Verständigungs- und Verständnisprobleme
nicht zu Lasten der Gesundheit des Kindes gehen", betont der Spezialist
für Kinder- und Jugendmedizin der Uniklinik Frankfurt. (sa)